Erzählkunst, Fragen und Hoffnung auf Heimat: Gespräch mit zwei Bischöfen der altorientalischen Kirchen.

p1030223-3Am Samstag, den 14. Oktober brechen wir zu zwei Besuchen auf.
Wir werden uns zuerst mit Mor Clemis Daniel Malak Kourieh, Erzbischof der Syriac-Orthodox-Church treffen. „Syriac“ bedeutet, dass dies eine weitere aramäisch-sprachige Kirche ist.
Links über ihm hängt sein Bild. Neben dem Bischofskreuz hat er ein Marienmedaillon umhängen. Das kommt daher:

 

Die Assyrer bestanden auf dem Konzil von Ephesus (431) darauf, dass Maria den Mensch Jesus geboren habe und das ebenso am Kreuz, der Mensch gelitten habe und nicht Gott. Dagegen protestierten andere Konzilsteilnehmer mit einem Medaillon, dass Maria als Mutter des Gottessohnes zeigte.

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Die Assyrer waren draussen und wurden zur „Ancient Church of the East“, die aramäischsprachigen Bischöfe wurden zur „Syriac-Orthodox-Church“. Als Zeichen ihrer Position tragen sie deshalb bis heute das Medaillon, das die Gottesgebärerin zeigt.
Der Stab, den er in der Hand hält, zeigt zwei feurigen Schlangen (Drachen). Denn feurige Schlangen (= Drachen) waren von Gott in das Lager des Volkes Israel gesandt worden, für seine Unzufriedenheit, Meckerei und Vertrauensverlust. Mit einer bronzenen Schlange die im Lager aufgerichtet wurde, konnte Mose die Ungeheuer bannen. Und darum hält der Erzbischof, einen bronzenen Stab in der Hand, aus dem zwei Schlangenköpfe hervorwachsen.
Es war nicht wirklich ein Gespräch, dass wir mit dem Erzbischof führten. Wir lauschten seinen Ausführungen. Das war eine ausführliche Darlegung der Bedeutung der syrisch-orthodoxen Kirche (Teil I), eine Klage über die Schmerzen der Diaspora. (Teil II). Natürlich sagt ein Bischof nicht, dass er kaum Hoffnung für die Zukunft seiner Kirche hat, aber es war doch eine tiefe Traurigkeit spürbar. 50% seiner Kirche sind bereits emigriert: Nach Australien, nach Kanada und nach Europa. Er schließt diesen Teil mit der Bitte: „Macht es den Menschen nicht zu leicht zu Euch zu kommen.“
Andererseits sind die orientalischen Christen auch auf Europa angewiesen, um einen sicheren Zufluchtsort zu haben. Die Eltern des Bischofs selbst sind in Enschede untergebracht, er selbst hat drei Jahre in einem Kloster seiner Kirche in Warburg zugebracht.
Dann erzählte er eine Wundergeschichte- ich komme gleich darauf zu sprechen. Zum Schluss sagte er in Bezug auf die Flüchtlinge: „Decide, which refugees you choose.“

Er hielt diesen Satz bedeutungsvoll in der Schwebe, indem er weder eine genauere Erklärung abgab, welche Flüchtlinge denn zu wählen seien, noch von uns eine solche Erklärung verlangte. Ich verstehe ihn so, dass Europa besser Christen als Muslime aufnehmen solle.
Es ist zu bedenken, dass dieser Mann gerade versucht zwei Bischöfe seiner Kirche freizubekommen. Er verhandelt wohl auch direkt mit dem IS.  Die Kirchen des Ostens verfügenüber 1500 Jahre Erfahrung im Umgang mit dem Islam. Das kann man nicht leichtfertig abtun. Für sie ist Europa ein letzter Rettungshafen, wenn es im Mittleren Osten überhaupt nicht mehr weitergeht. Sie fürchten um Europa und sagen dies auch offen. Aber das ist ein Thema zu dem ich ein anderes Mal mehr schreiben will.
Ich will auf die Wundergeschichte zurückkommen.. „I Tell a Story“, so leitete er sie ein. Trotz aller Gewalt gäbe es noch Klöster im mittleren Osten. Allen voran das Kloster Mar Mattai.
Es liegt in einem Seitental des Tigris unweit von Mossul. Genau, jenes Mossul, das
heute vom IS beherrscht wird.

Der Bischof erzählt: „Hier hat sich ein Wunder ereignet. Der IS hat bereits mehrere Male versucht, Mar Mattai zu erobern und er versucht es noch (Gesprächsstand 15.10.!). Aber jedes mal, wenn die schwarzen Kämpfer das Tal hinaufzogen, tauchten wie aus dem Nichts tausend Pferde auf, die den Soldaten in vollem Galopp entgegenkamen. Der Schrecken, der über sie kam war so groß, dass sie es bis heute nicht gewagt haben, das Kloster anzugreifen.“ Soweit der Bischof.
Mich bewegt immer noch, dass der Bischof uns eine Wundergeschichte erzählt hat. Er tat dies in einer wohlüberlegten Rede. So etwas wäre in unserem Kulturkreis möglich mit einer ausführlichen Ein- oder Ausleitung, die den Hören klarmachen würde, dass der Redner sehr wohl rational zu denken vermag. Es wäre nun ein leicht, das scheinbar Versäumte nachzuholen und das Ganze auf das „Eigentliche“ zurückzuführen, was er sagen wollte.
Aber was, wenn die Wundergeschichte auf Ihre Weise schon das Eigentliche ist? So nämlich konnte der Bischof von dem bangen Glück erzählen, dass das Kloster noch steht, von der ängstlichen Hoffnung, dass es diesen Sturm übersteht: Es ist Herberge für so viele Menschen und Manuskripte. „Angst, Freude, Dank, Gotteslob; Vergangenheit und Gegenwart wachsen poetisch zu einer Erzählung zusammen und sind nicht geschieden, wie wir das tun würden. So ist die Wundergeschichte am Ende reicher an Wirklichkeit als die rationale Erzählung. Letztere lautete etwa so: „Zum Glück ist Mar Mattai bis heute nicht erobert worden.“

p1030278-2Am Nachmittag, beuchten wir auf dem Berg Harissa bei Beirut Bischof Basilios Georges Casmoussa:
Casmoussa war Bischof von Mossul, wurde vom IS gekidnappt und lebt heute als „Auxillaire Patriarch der „Syriac Catholic Church“ im Libanon. Catholic heisst in diesem Fall, diese syrische Kirche ist mit der römisch-katholischen Kirche des Westens verbunden.
p1030253Zu Beginn führte er uns die Kirche des Klosters:
Er bat uns singen oder zu beten. Wir stimmten das Taizé Magnificat an. Schließlich sangen alle. Der Bischof wischte seine Auen, holte ein liturgisches Buch und betete singend das Vater Unser auf Aramäisch.
Wie klingt wohl für ihn das Magnificat: „ … Er hat große Dinge an mir getan. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen …“. Er war der vorläufig letzte Bischof von Mossul. Nach 1800 Jahren lebt dort kein Christ mehr. Er selber ist nicht freiwillig gegangen. „ich habe gedacht, ich sterbe, aber Gott hatte einen anderen Plan mit mir“, sagte er.

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Trotz allem setzt er auf Dialog. „Der Islam ist in der Krise, sagt er. Er wird sich zerstören, wenn er nicht einige seiner Texte kritisch wahrzunehmen lernt.“
Sein Ratschlag an uns lautete anders, als der des orthodoxen Bischofs: „Hört respektvoll zu, aber fordert den gleichen Respekt“.
So in etwa, er hat es bedachter ausgedrückt.

 

Hier noch einige Bilder aus dem Kloster:

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