Unser Körper ist unser Gedächtnis

Backgammon im Armenischen Viertel von BEirutWir besuchen die Armenische Evangelische High School in Beiruts  Stadtteil Eshrefieh. 350 Kinder vom Kindergartenalter – also ab 8 Monaten – bis zum 12. Schuljahr werden hier unterrichtet. Die Unterrichtssprachen sind Armenisch, Englisch, Arabisch. Wir können uns kaum vorstellen, dass eine Kirche mit einer Volksidentität verbunden ist. Die Tatsache, dass man Armenierin ist, stiftet die Identität auch als Armenische Christin.Es gibt orthodoxe, evangelische und katholische Armenier.

Das Kernland der Armenier umfasst Gebiete der östlichen heutigen Türkei, Nord-Syriens und Georgiens. Im Laufe von mehr als 2000 Jahren wurde dieses Volk von verschiedenen Großmächten im Orient überrollt und besetzt. Die letzte Herrschaft, unter die sie sich beugen mussten war das Ottomanische Reich, also die Vorgängermacht der heutigen Türkei.

2015 jährte sich zum 100. Mal ein riesiges Massaker. Am 24. April 1915 veranlasste die 1908 an die Macht gekommene jung-türkische Bewegung die Verhaftung, Deportation und Ermordung armenischer Intellektueller inIstanbul und leitete damit den Vökermord an 1,5 Millionen Armeniern – zwei Dritteln des im Osmanischen Reich seit Jahrtausenden lebenden christlichen Volkes – ein. Die Überlebenden gingen ins Exil in die Nachbarländer Syrien, Jordanien, Palästina und den Libanon. Zehntausende (vor allem junge Mädchen und Waisenkinder) wurden zwangsislamisiert. Die Region Dersim, türkisch Tunceli, war bis zu ihrer Vernichtung durch die türkische Armee 1937/38 ein wichtiges Refugium für viele Armenier. Nach dem Militärputsch 1980 wurde versucht, auch die Armenier in Dersim zu islamisieren. 1994 wurden etwa 200 Dörfer in Dersim durch türkisches Militär und Para-Militär zerstört. Heute leben in der Türkei circa 60.000 Armenier, fast ausschließlich in Istanbul.

Im Rahmen des Völkerrechts gibt es eine klare Anerkennung der Vertreibung als Genozid. In Deutschland hat der Bundestag in einer Erklärung die Vertreibung der Armenier als Genozid anerkannt und verurteilt. Seitdem gibt es große Spannungen mit der Türkei, die den Völkermord an den Armeniern bestreitet.

Armenien ist seit 1991 selbständig. Die Regierung ist zur vorbehaltlosen Aufnahme diplomatischer Beziehungen und zur Öffnung der Grenzen mit der Türkei bereit; diese besteht jedoch darauf, dass Armenien zuerst den Vorwurf des Genozids während des Osmanischen Reiches fallen lässt und formell auf jede Form von Reparation verzichtet.

Wie wirkt sich die Geschichte dieses Volkes für die Armenier*innen heute aus? Sie sind nach der Vertreibung geboren.  „I will tell you a story“ sagt unsere Gesprächspartnerin. Vor zwei Jahren wurde sie an der Kasse eines Supermarktes angesprochen: „You don’t look turkish, where are you from?”

Heiß und kalt sei es ihr geworden. Herzklopfen. Angstschweiß. Ihre Antwort war „I am from Lebanon!“ Dann sei sie schnell aus dem Laden gegangen.

Ihr Körper hat die Erfahrung der Großeltern gespeichert. So wie auch unsere Eltern die Erlebnisse der Kriegsgeneration gespeichert haben.  Die Traumata gehen weiter. Wir geben sie an unsere Kinder weiter, wenn wir nicht darüber reden und sie in eine andere Energie zum Leben umwandeln. If we don’t transformt he trauma, we transmit it!

Die Beschäftigung hier mit den Ostkirchen ist voll von diesen Erzählungen und Erfahrungen von Verfolgung. Die Syrer haben Ähnliches erlebt. Es gibt hier fast keine christliche Kirche, die nicht von ähnlichen Erfahrungen betroffen wäre und teilweise bis heute bedroht ist. Das hätte ich mir nicht vorgestellt und es öffnet ein Fenster in eine Welt, dich ich nicht kenne. Die alten Kirchen des Ostens haben alle dramatische Rückgänge zu verzeichnen. Die Leute sind auf der Flucht oder emigrieren. Zurück bleibt eine alte Generation.

Und ein wunderbares Musikinstrument, das Duduk.

https://www.youtube.com/watch?v=9u7AhsMv1mo
Sad and Mysterious Music – THE CRY OF ARMENIAN DUDUK
www.youtube.com
Sad and Mysterious Armenian duduk music 2 – https://www.youtube.com/watch?v=ZbOa6B_76Gw

https://www.youtube.com/watch?v=kDwffiTgzKA
L’émouvante arrivée d’Aznavour aux Invalides, sur le son d’un duduk
www.youtube.com

 

 

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