Eine Literaturempfehlung (nicht nur für Libanon-Interessierte) Emily Nasrallah, Flug gegen die Zeit, aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich, Lenos Verlag, Basel, 1991, 2003.

„Nach Jahrzehnten der Trennung brechen Radwan und Raja zum Besuch ihrer Kinder auf, die nach Kanada emigriert sind. Zum ersten Mal in ihrem Leben verlassen die beiden alten Leute ihr Dorf im Libanon.“ – so steht es auf der Rückseite des Taschenbuches.

Schon die Reise nach Beirut, um im Konsulat die Einreisepapiere abzuholen, ist für Radwan (70 Jahre alt) , der nicht lesen und schreiben kann, ein Aufbruch in eine völlig andere Welt. Nur mit der Hilfe und Begleitung eines jungen Nachbarn aus dem Dorf gelingt es ihm, alles Notwendige zu erledigen. Um wieviel aufregender und spannender ist der Tag des Fluges in die neue Heimat der Kinder und ihrer Familien. Der erste Flug wird wieder von dem jungen Nachbarn begleitet. Die weiteren beiden Flüge muss das alte Ehepaar dann alleine bewältigen, bis sie am Zielflughafen ihre Kinder und Schwiegerkinder treffen, die sie teils zum ersten Mal persönlich sehen. In Kanada müssen die beiden erleben, dass ihre Kinder sich mittlerweile den westlichen Gewohnheiten angepasst haben, noch mehr gilt das für die Enkelkinder. Es fällt den Großeltern schwer, zu akzeptieren, dass – nach ihrer Sicht – die Kinder und Enkel sich damit von allen Werten der Eltern und Großeltern entfernt haben. Insbesondere Radwan empfindet das als Verlust, ja sogar als Verrat. Er, der immer noch darunter leidet, dass seine gesamte Familie ausgewandert ist und jede Beziehung zur Heimat verloren hat, fühlt sich fremd und fehl am Platz an der neuen Welt.

Enttäuscht, traurig, heimwehkrank …. möchte er nicht in Kanada bleiben, was sich seine Familie sehr wünscht. So kehrt er allein in sein libanesisches Dorf zurück und lässt seine Frau bei seinen Kindern zurück, die dort vor dem Bürgerkrieg in der Heimat sicher ist. Radwan wird ein Opfer dieses Krieges.

Emily Nasrallah war eine libanesische Schriftstellerin, die in arabischer Sprache schrieb. Sie wurde am 6. Juli 1931 in Kfeir geboren und wuchs in einer christlichen Familie in einem Dorf im Südlibanon auf. Sie studierte gegen den Willen ihres Vaters an der American University in Beirut Erziehungswissenschaften. Sie arbeitete in der Hauptstadt zunächst als Lehrerin, dann als Journalistin und freie Schriftstellerin. Im Zentrum ihrer Texte stehen das Dorfleben im Libanon, Identitätsfragen im libanesischen Bürgerkrieg und Migrationserfahrungen, so auch eben im: „Flug gegen die Zeit“. Im Jahr 2017 wurde ihr die Goethemedaille verliehen. Emily Nasrallah starb im Alter von 86 Jahren am 14. März 2018 in Beirut. (siehe: http://www.boell.de/de/person/emily-nasrallah)

Dieses Buch fand ich in der Bibliothek von Dar Assalam und las es in dem wunderschönen Garten dieser interkulturellen Begegnungsstätte in Wardaniyeh-Schoufberg. (siehe: http://www.libanon-reise.com oder auf Facebook).

Elke Jung

 

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Beten für den Fluss

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Eine kleine Gruppe von Frauen – Musliminnen und Christinnen. Seit dem Ende des Bürgerkrieges treffen sie sich regelmäßig zu Exkursionen. Dabei wollen sie vor allem eines: Begegnung. Das ist es, was so oft fehlt, wenn die Dörfer nach Religionen aufgeteilt sind und man – obwohl in unmittelbarer Nachbarschaft – wenig miteinander spricht. Die Frauen von Darb Mariam – „The Path of Mary“ betonen, dass Maria eine verbindende Figur zwischen Christentum und Islam ist. Und so sind sie gemeinsam unterwegs. Stärken das, was verbindet. Und vielleicht eine Brücke über das Misstrauen schlägt.

An diesem Tag sind wir unterwegs in die Bekaa Ebene. Eine muntere Gruppe von Frauen ist da beisammen. Wir wollen am Litani Fluss für die Natur und das Wasser beten.

Der Litani Fluss ist der am meisten verschmutzte Fluss im Libanon. „Früher“ – sagt Maja meine Nachbarin im Bus – „war die Bekaa-Ebene der Schatz des Libanon!“

Hier werden die Lebensmittel angebaut – Gemüse, Früchte, Wein. Die Ebene liegt klimatisch sehr günstig zwischen den Gebirgszügen des Mount Libanon und dem Anti-Libanon, hin zur syrischen Grenze. Von dort aus sind es nur 30 km bis Damaskus. Der Litani Fluss war das Herzstück für die Bewässerung der Ebene. Heute ist er eine Müllhalde. Chemiefirmen leiten ihre Abwässer ein. Zementfirmen verschmutzen den Fluss mit ihren Abfällen aus der Zementherstellung.

Nach dem Krieg sind in vielen Dörfern die Abwassersysteme zerstört gewesen und wurden nie wieder funktionstüchtig aufgebaut. Dafür gibt es kein Geld, weder in den Dörfern noch auf der Regierungsebene.

Mittlerweile gibt es etliche Initiativen. Die Menschen wissen, dass ihr Leben und ihre Lebensmittel vom Fluss abhängen. Mittlerweile finden in vielen Ortschaften am Fluss wöchentliche Versammlungen und Demonstrationen zu dem Thema statt.  Das hat immerhin bewirkt, dass die Abfälle aus dem Zement nicht mehr eingeleitet werden. Seitdem erholt sich der Fluss, aber es gibt noch viel zu tun.

Maja berichtet, dass das Thema „Litani Fluss“ fast täglich in den Zeitungen ist. Der Druck auf die Regionalverwaltungen und die Regierung wächst. Die Menschen wollen das nicht mehr hinnehmen.

Ich erinnere mich daran, wie der Rhein vor 30 Jahren verseucht war von Chemieabfällen. Heute können wir wieder darin schwimmen.

Die Natur kann sich erholen, wenn der Mensch zur Einsicht kommt. Und wenn es einen politischen Willen dafür gibt. Im Libanon ist das komplizierter als in Deutschland. Weil immer verschiedene Religionsgruppierungen eingebunden sind und – wie bei uns auch oft – die Interessen der Gruppen über das Thema dominieren.

Die Frauen von Darb Mariam unterstützen aktiv. Heute beten wir muslimische und christliche Gebete unterwegs. Auch in einer Griechisch-Katholischen Kirche. Alle sind sich einig. Sie wollen den Druck auf die Regierung aufrecht erhalten. Die Ortschaften am Litani Fluss mit ihrer Präsenz unterstützen.

Vielleicht ist das die große Chance unserer Spiritualität: Wir sind eingebunden in ein größeres Geschehen und der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge. Das verpflichtet zum Engagement für die, die keine Stimme haben. Flüsse zum Beispiel.

 

Islam studieren und christlich-islamischer Dialog in Beirut

In den Kirchen des Nahen Ostens sind 1400 Jahre Erfahrung im Dialog und Zusammenleben von Christen und Muslimen versammelt; da müsste es doch einiges zu lernen und zu entdecken geben. Vielleicht sogar einen besonderen Schlüssel zu den interkulturellen und religiösen Konfliktlagen in einer globalisierten Welt? Oder neue Ansätze für eine dringend überfällige christliche Theologie der Religionen?

Der Libanon sollte dafür ein besonders verheißungsvoller Boden sein: ist er doch das einzige arabische Land, in dem Christen und Muslime ungefähr gleich stark vertreten sind. Das ist im Allgemeinen eine gute Voraussetzung für einen Dialog auf Augenhöhe.

Mit diesen zugegeben idealistischen Vorstellungen kam ich nach Beirut und an die NEST. Nach gut zwei Monaten bin ich einerseits ernüchtert, andererseits ganz und gar nicht enttäuscht!

Ernüchternd ist die Erkenntnis, dass die Christen und die Kirchen hier im Nahen Osten seit 2000 Jahren an erster Stelle mit dem eigenen Überleben beschäftigt sind und dementsprechend wenig Kraft für theologische Reflexion bleibt. Der Gegner war und ist dabei auch nach dem 7. Jahrhundert keinesfalls ausschließlich „der Islam“. Oft genug haben sich die Christen gegenseitig als Häretiker bekämpft, massakriert, vertrieben, oder zumindest – um für die eigene Konfession einen Vorteil herauszuschlagen – dem jeweiligen Machthaber ans Messer geliefert. Abgesehen von diesen unwürdigen innerchristlichen Konflikten: das Zusammenleben von Christen und Muslimen ist und bleibt trotzdem ein riesengroßes, manchmal unlösbar erscheinendes Problem, selbst im vergleichsweise liberalen Libanon.

Erfreulich ist die Entwicklung der innerchristlichen Ökumene in den letzten Jahrzehnten: im Unterschied zum Weltkirchenrat sind im 1974 gegründeten Middle East Council of Churches (MECC; s. https://mecc.org) seit 1990 sogar alle mit Rom verbundenen orientalisch-katholischen Kirchen als Vollmitglieder vertreten.

Der MECC leistet außerordentlich gute Arbeit in dieser für christliche Kirchen so schwierigen Umgebung, auch auf dem Feld des christlich-islamischen Dialogs. Eindrücklich das Bekenntnis der derzeitigen Generalsekretärin Dr. Souraya Bechealany bei unserem Besuch: „Als Christen schulden wir den Muslimen, dem Nahen Osten und der Welt ausgehend von unserem Glauben an den dreieinigen Gott das gelebte Zeugnis von Liebe und Einheit trotz Vielfalt, ja von Einheit in Vielfalt. Dabei haben wir unser Kreuz auf uns zu nehmen, was auch immer unser Schicksal als Kirchen im Nahen Osten sein wird.“ Dieselbe beeindruckende Haltung erlebten wir immer wieder bei Begegnungen in zahlreichen christlichen Klöstern des Libanon: „Wir dienen allen, auch und gerade den Muslimen.“

In der NEST ist der christlich-islamische Dialog seit Jahrzehnten ein wichtiges Thema. Allerdings sind die evangelischen Christen im Nahen Osten eine verschwindende Minderheit und die Fakultät ist so klein, dass es ihr zunehmend schwerfällt, alle theologischen Fächer auch nur mit einer kompetenten Lehrkraft zu besetzen. Zum Ausgleich kommen Gastdozenten aus Westeuropa oder Amerika zum Einsatz, die nicht in den Kirchen und Erfahrungen vor Ort verwurzelt sind. In den Vorlesungen von Dr. Peter Ford lernt man den Islam und den Koran dennoch solide kennen: vor allem über die gute Auswahl der zugrunde gelegten Lektüre.

Interessant wird es bei Gastvorträgen und Begegnungen mit muslimischen Gesprächspartnern. Da reicht die Palette vom drusischen Scheich, über die islamisch-feministische Theologin, den schiitischen Imam, der ausgehend von Koran- und Hadithsprüchen (ohne jede Berücksichtigung psychologischer oder sonstiger Erkenntnisse) ein Familien- und Eheberatungszentrum betreibt, den muslimischen Philosophieprofessor mit Schwerpunkt Hermeneutik, der deutlich freier reden und urteilen kann, als jeder islamische Geistliche, bis hin zum aufgeschlossenen, theologisch reflektierten sunnitischen Scheich und Imam, der in seiner Freizeit ein Buch über die historischen Leistungen einer evangelischen Missionarsfamilie in seiner Stadt (Sidon) verfasst. Der aber zugleich vorsichtig sein muss im Blick auf feindselige Reaktionen seiner theologisch deutlich anders gestimmten schiitischen Glaubensgenossen, die die umgebenden ländlichen Gebieten dominieren.

Durch die lebendige Anschauung der unterschiedlichen muslimischen Konfessionen, Sekten und Denkungsarten im Libanon gewinnt das eigene Islambild an Weite und Tiefgang.

Über die NEST hinaus bieten verschiedene Universitäten in Beirut reizvolle, hochkarätige Vorträge zum Dialog an: besondere Kompetenz findet sich dabei an der AUB (American University of Beirut) und an der jesuitischen Université Saint-Joseph. Hier gilt es Augen und Ohren offen zu halten, um die Perlen nicht zu versäumen!

Ein Highlight war die Begegnung mit Prof. Dr. Angelika Neuwirth (Berlin), die ich für eine der spannendsten Islamwissenschaftlerinnen der Gegenwart halte. Sie liest den Koran neu als Produkt und besondere Stimme der – europäischen! – Spätantike und schafft durch ihre akribischen philologischen Studien (Projekt „Corpus Coranicum“; https://corpuscoranicum.de) die Grundlagen für eine Überwindung der Diastase zwischen westlicher, säkularer Koranforschung und der gläubigen Auslegung durch muslimische Gelehrte. Und Prof. Dr. Neuwirth wird durchaus auch von der muslimischen Gelehrtenschaft als Autorität in Sachen Koran wahr- und ernstgenommen und hat muslimische Doktorandinnen und Doktoranden.

Am nachhaltigsten erleuchtet und beeindruckt hat mich ein Vortrag, der aufgrund der langjährigen Vertrauensbeziehungen zwischen christlichen und muslimischen Theologen hier in der NEST stattfand. Referent war der führende sunnitische Theologe und Denker im Libanon Prof. Dr. Radwan el Sayyed, der weltweit zur sunnitischen Elite gehört und enge Beziehungen zu den maßgeblichen Leuten etwa an der Al-Azhar Universität in Kairo unterhält. Sein Thema lautete: „Is Islam a religion and a state?“.

Frappiert hat mich seine schonungslose Analyse der grundsätzlichen Krise, in der sich der Islam derzeit befindet. Und seine Darstellung, dass die Führungsschicht der sunnitischen Theologen diese niederdrückende Einschätzung durchaus teile. Der Islam, weder der sunnitische, noch der schiitische, habe es geschafft, nach dem Ende des Kolonialismus auch nur ein einziges funktionierendes Staatswesen zu schaffen; stattdessen lauter „failed states“ und korrupte Diktatoren, einschließlich Iran. Die arabische Bevölkerung traue deshalb im Unterschied zu den Menschen im Westen grundsätzlich keiner Regierung, weil sie nur korrupte erlebt habe. Umgekehrt wage z.B. aktuell in Pakistan die schwächliche Regierung aufgrund der Angst vor dem eigenen religiös-radikalisierten Volk noch nicht einmal, gesprochenes Recht umzusetzen und die freigesprochene Christin Asia Bibi aus dem Land zu lassen.

Den radikalen Zerfallsprodukten dieses politischen Bankrotts „Al Kaida“, „Islamischer Staat“ etc., die sich darauf berufen, auf den wahren Islam der Zeit des Propheten zurückzugehen, aber dabei nur Hass, Gewalt und Zerstörung verbreiten (auch innerislamisch!), stehe man politisch und theologisch reichlich hilflos gegenüber. Die Weltgemeinschaft traue deshalb den Muslimen, immerhin einem Fünftel der Weltbevölkerung, nicht mehr über den Weg – man möchte fast hinzufügen: zurecht.

Am Ende des politischen Teils seines Gedankengangs legte er für mich überraschend und neu dar, wie die Elite der sunnitischen Theologen dieser Tage aus geopolitischen Gründen zur Einsicht komme, dass kein islamischer, sondern nur ein säkularer Staat den Frieden wiederherstellen und wahren könne. Sinnvoll könne in dem Zusammenhang für das islamische Denken der Ansatz bei der „Verfassung von Medina“ sein, die das friedliche Zusammenleben der Muslime mit den andersgläubigen jüdischen Stämmen in einem gemeinsamen „Staatswesen“ regelte.

In der Theologie selbst helfe nur ein kompletter Neuansatz, ein „neues Narrativ“, das allerdings noch nicht sichtbar sei. Leitend dabei dürfe jedenfalls nicht der von den Radikalen besetzte Ruf zurück zum wahren Islam des Anfangs sein, sondern die Schätze der Tradition müssten bewahrt und weitergeführt werden. Die christlichen Kirchen und Staaten im Westen hätten sich dementsprechend neu sortiert, der islamischen Welt stehe diese Aufgabe noch bevor.

Für mich ein Vortrag, der ob seiner Ehrlichkeit und Offenheit und Selbstkritik saß! Und das vor einem gemischten christlich-muslimischen Publikum in einer kleinen evangelischen Hochschule.

Nach meinem Eindruck eine absolute Sternstunde, die mir zudem klarmachte, dass die notwendigen theologischen Einsichten aus der Mitte der arabischen-islamischen Welt selbst kommen müssen. Der sogenannte Euroislam kann dabei höchstens eine Nebenrolle spielen. Als hoffnungsvoll empfinde ich, dass die maßgeblichen Theologen in ihrer durch IS, Al-Kaida, etc. verschärften geistlichen Notlage jetzt immerhin den Schlüssel zu einem neuen Narrativ suchen. Und dass sie deutlich die Hand auszustrecken, zu uns Christen und zu anderen Menschen guten Willens.

 

 

Kaffee und Hamam

Kaum eine Einladung bei einem offiziellen Vertreter einer Kirche oder einer sozialen Einrichtung, bei der nicht nach kurzer Zeit von Zauberhand die Tür des Besprechungsraumes aufgeht und eine freundliche Person „Ahwa“ – arabischen Kaffee serviert. In der Regel noch gesteigert mit einer Kostprobe orientalischer „sweets“- unzählige Varianten von Gebäck mit Mandeln, Pistazien, Honig. Es gibt kein hektisches „Zur -Sache -Kommen“ wie bei uns.

Ein Zeichen der Gastfreundschaft ist der Kaffee zugleich politisches Statement. Manche nennen in „turkish coffee“. Die Ottomanen haben hier nicht nur Segen hinterlassen und deshalb benutze ich lieber „arabic coffee. Aber da wird es schon heikel. Die Syrischen Student*innen an der NEST rollen die Augen. Für sie gibt es im Libanon keinen wirklichen Arabischen Kaffee! Der hat einen ganz anderen Geruch und Geschmack und den muss man aus Syrien mitbringen. Die Zubereitung ist ein anderes Thema. Pulver in die Kanne, aufkochen, ziehen und setzen lassen. Mit oder ohne Zucker.

Wie auch immer: der Kaffee ist das Zentrum einer Kommunikation. In fast jedem Dorf trifft man sich, um sich über die alltäglichen Vorkommnisse, Freud und Leid auszutauschen. In größeren Städten wie Beirut, Tripolis oder Saida erinnert man sich noch an die Kaffeehauskultur – häufig auch Treffpunkt, um über die Zukunft zu beraten.

Der Hamam – das öffentliche Bad – hat eine ähnliche Funktion.

Man geht ja nicht gleich zum Reinigen und Schwitzen! Als erstes trinkt man einen Kaffee und tauscht mit den Mit-Badenden aus. Dabei spielt die Religionszugehörigkeit überhaupt keine Rolle.

Die integrierende Aufgabe dieser öffentlichen Ereignisse hat durch den Bürgerkrieg gelitten. P1150008Die meisten Hamams sind geschlossen. Der ungezwungene Austausch über die Alltäglichkeiten des Lebens ist dem Misstrauen gewichen. Wer weiß schon, ob der Nachbar, mit dem ich im Hamam sitze, nicht morgen auf mich schießt? Der Frieden ist eine sehr fragile Angelegenheit. Man bleibt fürs Baden lieber privat.

Umso schöner, dass der Kaffee geblieben ist und weiterhin Brücken baut.

 

 

Ein anderer Blick auf den Krieg

fullsizeoutput_5b0Vor uns sitzt Rev. Joseph Kassab, Generalsekretär der National Evangelical Synod of Syria and Lebanon. Die Presbyterianische Kirche vertritt etwa 12.000 Christ*innen in Syrien und im Libanon. Aus vielen Kleinkirchen hat sie sich 1959 konstituiert.

Joseph hat an der NEST studiert, so wie viele unserer Syrischen Mitstudent*innen in diesem Sabbatical.

Syrien ist hier ständig Thema. Im Libanon ist etwa jeder Dritte ein Mensch, der nicht in seiner Heimat leben kann – vor allem aus Syrien, aus Palästina, aus dem Irak. Circa 2 Millionen bei 4-5 Millionen Einwohnern. Etwa 40.000 Syrische Kinder werden jährlich im Libanon geboren.

In der Regeln wird die Situation in Syrien als religiöse Auseinandersetzung gedeutet und dargestellt. Joseph Kassab versucht, uns einen anderen Aspekt aufzuzeigen. Für ihn stehen sozi-ökonomische/ psychologische  Aspekte in Syrien im Vordergrund. In einer Welt, in der die Christen einen hohen Bildungsstandard hatten, erlebt er den Islam als eine Religion, die den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bisher nur schwer begegnen konnte. Es sei weder gelungen, Israel effektiv zu kontrollieren, noch habe sich unter der muslimischen Bevölkerung ein solider Bildungsstandard etabliert. Armut war und ist prozentual mehr in der Muslimischen Bevölkerung vertreten als unter den Christen. „When you fail, it is easy to shout for God!“ Wenn man dauernd Misserfolge hat, ruft man “Gott ist auf unserer Seite!” Dann sei es leicht, sich so zu fühlen, dass man von Gott ausgewählt sei – und die Anderen eben nicht. Wenn man sich immer auf der Verliererseite wiederfinde, dann sehne man sich nach „Siegen“.

Es leuchtet ein. Das kennen wir doch auch: diejenigen, die sich auf der Verliererseite erleben, sind wesentlich leichter für Schwarz-Weiß Weltbilder zu mobilisieren als andere.

Das Syrien-Thema lässt sich sicher nicht auf diesen Aspekt reduzieren. Aber vielleicht ist es ein Baustein in der unglaublichen Komplexität.

670 Schüler*innen unterrichtet die Schule der National Evangelical Synod. 70% der Schüler*innen, für die Joseph Kassab zuständig ist, sind Muslime. An einer christlichen Schule! „There is no hope in Syria other than education!” sagt Joseph. Dies sieht er als Beitrag seiner Kirche für die Zukunft. Religion spielt bei diesem Anliegen keine Rolle. Es geht um eine andere Zukunft.

Plastik-Denk-Mal

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Am Stand von Beirut. Von weitem fällt es gar nicht auf. Erst beim zweiten Hinschauen die Irritation: Was ist das?

Ich nähere mich und stehe schließlich vor einer Art Bootsrumpf. Seine Holzplanken sind mit  Hunderten von aneinandergebundenen leeren Plastikwasserflaschen umwickelt worden.

Jemand hat sie aufgesammelt. Überall liegen sie herum. In den stinkenden Müllhaufen am Ende des Strandes. Auf den vorgelagerten Felsen an der Corniche. Im Meer schwimmen sie zu Dutzenden. In den Gräben an den Straßenausfahrten Beiruts finden sie sich gehäuft und gestapelt.

Nach aktuellen Schätzungen* fallen täglich 700 bis 830 Tonnen Plastikmüll im Libanon an. Überall ist Plastik im Einsatz. In vielen Restaurants ist es Standard, dass Teller, Besteck und Trink-Becher aus Plastik sind. Nach dem Essen dort wird mithilfe der Tischdecke aus Plastik alles einfach zusammengerollt und in den Müll weggeworfen.

Jemand hat sie aufgesammelt die leeren Plastikwasserflaschen, sie aneinandergebunden und um den Schiffsrumpf gewickelt. Der Versuch einer Recyclingmaßnahme? Ich habe vielmehr den Eindruck vor einem  Denk-Mal zu stehen, ja mehr noch – vor einem Mahn-Mal. Es sind große Herausforderungen, die der Libanon politisch und gesellschaftlich zu bewältigen hat. Eine nicht mindere ist die ökologische. Die Binnen-Gewässer und das Meer sind allesamt verseucht. Bei starken Regenfällen, wie sie jetzt ab November  mehr und mehr zunehmen, schwemmen die Flüsse Berge von Abfällen ins Meer. Das Plastik löst sich in kleinen Partikeln am Meeresboden ab. Die gesundheitlich bedenklichen Folgen, die die Aufnahme von Plastik in unsere menschliche Nahrungskette hat, sind hinreichend bekannt. Es gibt Versuche, Anfänge, erste Maßnahmen umzusteuern. Die Kampagne „No to Plastic”, die die Stadt Byblos im Juni dieses Jahres in Zusammenarbeit mit dem Umweltprogramm der UN gestartet hat, ist eine davon. Ein kleiner Lichtblick.

*siehe: Charlie Darwich-Houssami: A sea of garbage. Lebanon’s polluted paradise. In: Executive-Magazine Juli 2018

Schöpfungsverantwortung

P1140685Meine Aufmerksamkeit wandert ungeplant zu den Tieren.

Auf den Straßen nach Saida sieht man ständig LKWs, press beladen mit Kühen auf dem Weg in die Schlachthäuser im Süden des Landes. Jenseits irgendwelcher Standards, die wir in der EU dazu mittlerweile erarbeitet haben. Es fehlen Trennwände – auf den Straßen schaukeln die Tiere mit jeder Kurve hin und her. Ziel sind die Schlachthöfe, vor allem im Süden des Landes, Sidon und Tyrus. Etwa 2 Stunden Wegstrecke von Beirut.

Wir kennen in Europa noch die Bilder, mit denen 2001 das ZDF die Zustände im Hafen von Beirut öffentlich gemacht hat. Meine Kolleginnen von Animals Angels waren vor 3 Wochen im Hafen und haben die Entladung von 2 Schiffen mit Rindern, sowie ihren Weitertransport dokumentiert. Sie sind resigniert. Es hat sich nicht viel geändert.

Gestern kam ein Schiff mit 1500 Rindern aus Kroatien. Heute sind es ebenso viele aus Brasilien und Kolumbien. Die Tiere aus Kroatien sind 10 Tage auf See. Das Schiff aus Brasilien ist 3 Wochen unterwegs. Viele Rinder sind völlig entkräftet, stehen Tage und Wochen im Kot und es gibt wenig Luft. Die Schiffe sind veraltet, Baujahr 1963-1980 etwa.

Im Supermarkt nebenan sehe ich dann das Schild: „Halal meet from Brazil“.

Die Khalifeh Group (http://khalifehlivestock.com/) hier im Libanon, hat das Geschäft fest in der Hand, besitzt Schiffe und Schlachthöfe.

Die Kehrseite: die EU hat in den letzten 3 Jahren ihre Tierexporte in den Mittleren Osten mehr als verdoppelt, in die Türkei sogar verfünffacht. Jährlich werden derzeit etwa 1 Million Rinder aus der EU in den Mittleren Osten auf diese Weise transportiert.

Es gibt einen Beschluss des EU Gerichthofs von 2015, nach dem das Wohlergehen der Tiere auf den Transporten bist zu Transportende gesichert sein muss.

Fakt ist: an den EU-Außengrenzen endet jegliche Möglichkeit, das Wohlergehen der Tiere irgendwie zu kontrollieren und zu gewährleisten. Darüber muss sich niemand Illusionen machen. Anscheinend gibt es Überlegungen in der EU, wenigstens in den Sommermonaten die Tiertransporte in diese Regionen einzustellen. Aber dann ist da ausgerechnet Ramadan…….das Geschäft kann man sich nicht entgehen lassen. Und wenn nicht die EU, dann kommen die Tiere aus Brasilien.

Ich studiere hier. Ich lese Bücher über die Entstehung des Islam. Über die christlichen Kirchen im Mittleren Osten. Arabisch-Lektionen. Viele Begegnungen mit Menschen und Schicksalen, die mein Herz bewegen und für die es mehr Fragen als Antworten gibt.

Die Tiere gehören dazu und lassen mich nicht los. Es mag für manche Leser*in ein Randthema sein. Für mich ist es das nicht. Zu sehr hat mich die Theologie von Albert Schweitzer von der Ehrfurcht vor dem Leben geprägt. Eine Welt, die nur den Menschen sieht und die Schöpfung ausklammert kann ich theologisch nicht mehr denken. Es ist mir zu Hause nicht egal und hier auch nicht.

Wie könnte es überhaupt in einem Land im Mittleren Osten möglich sein, ein öffentliches Interesse für dieses Thema zu schaffen? Zwischendrin schaue ich im Internet nach. Im Hafen liegen jeden Tag 2-3 Schiffe mit Rindern und Schafen und werden entladen. In welcher Welt leben wir?

 

Gibt es Versöhnung zwischen Palästinensern und Christen im Libanon? Anmerkungen zum Film „The Insult“

  • Wer länger in Beirut weilt, wird irgendwann mit der „Palästinenser-Frage“ konfrontiert. Seit ihrer Flucht aus Palästina vor sieben Jahrzehnten leben mehr als 450.000 Palästinenser im Libanon. In Beirut unter anderen in den Stadtteilen Sabra und Schatila. In ihnen wurden während des libanesischen Bürgerkrieges 1982 geschätzt bis zu 3000 Palästinenser von maronitischen Milizen auf bestialische Weise massakriert.  Ein Besuch dort führte uns an das Memorial, das die Namen und Fotografien vieler Getöteter festhält . Im weiteren Rundgang zeigten sich uns die unwürdigen Lebensbedingungen der Menschen dort, die auf engstem Raum zusammenleben. Wie lange hält ein Mensch solche eine Situation aus – ohne Rechtsstatus zu leben und mit unzähligen Einschränkungen wie dem  Verbot auf legale Arbeit, Eigentumserwerb und anderem mehr? Und wie wird solch ein Trauma wie das von 1982 verarbeitet?
  • Der Film „The Insult“ vom libanesischen Regisseur Ziad Doueiri versucht darauf eine Antwort. Letztes Jahr kam er in die Kinos und Kamel El Basha wurde darin für seine Rolle als Yasser bei den Filmfestspielen in Venedig als bester Schauspieler ausgezeichnet. Mit den anderen Studierenden hier an der NEST haben wir ihn uns angeschaut. Der Film erzählt die Geschichte zweier Männer, die aneinander geraten. Yasser, Palästinenser und ausgebildeter Ingenieur, arbeitet als illegaler Handwerker. Von seinem Chef wird er eines Tages beauftragt, in einem Stadtviertel Regenrinnen auszutauschen. Dabei trifft er auf Tony Hanna, der ihm aber für den Austausch den Einlass in seine Wohnung verbietet. So versucht Yasser von außen am Balkon von Tonis Wohnung  seinem Auftrag nachzukommen. Toni bemerkt, was geschieht und wird wütend. Es entsteht ein Streit, ein kurzes provozierendes Wortgefecht, das mit einer Beleidigung Yassers an Toni endet. Von einem Palästinenser beleidigt worden zu sein, ist für den maronitischen Christen Toni unerträglich. Er erstattet Anzeige. Es folgt ein Gerichtsverfahren, das sich mehr und mehr aufschaukelt und von Presse und Fernsehen regelrecht zum Medienereignis hochgepuscht wird. Zeitweise sitzt Yasser in Untersuchungshaft. Der Film enthält seine Dramatik dabei insbesondere durch die  beiden konkurrierenden Rechtsanwälte. Denn Yassers Anwältin Nadine Wehbe ist die Tochter von Tonis Anwalt Wajdi Wehbe. Vater und Tochter streiten letztlich über die Deutungshoheit der Palästinenserfrage. Im Verlauf des Films leuchten Hintergründe, Geschichte und die Lebensbedingungen von Yasser auf und der Zuschauer sympathisiert mit Yasser. Doch dann nimmt der Film eine Wende, weil sich herausstellt, dass nicht nur Yasser, sondern auch Toni traumatisiert ist. Er stammt aus Damur, einem kleinen Küstenort südlich von Beirut. 1976 verübten dort palästinensische Milizen ein Massaker.  Als kleiner Junge musste Tony seinen Heimatort flüchtend verlassen. So tragen beide eine Geschichte mit sich, die geprägt ist von großen gegenseitigen Verletzungen zwischen Christen und Palästinensern. Das Ende des Films zeigt uns einen versöhnenden Moment zwischen Yasser und Toni.
  • Der Film besticht durch seinen Perspektivwechsel. Er zeigt die gegenseitigen Verstrickungen der im Libanon lebenden Gruppierungen. Einfache Antworten verbieten sich. Er macht deutlich, wie sich Feindbilder festsetzen und wie schwer Versöhnung ist. Yasser und Toni haben nicht selber von ihren Verletzungen erzählen können, ihre Anwälte haben es stellvertretend für sie getan. Letztlich wirkten sie als Mediatoren. Der Prozess hat Yasser und Toni verändert. Ein Fenster in das Leben und die Geschichte des anderen hat sich geöffnet. Der Hass hat seine Härte verloren.