Gibt es Versöhnung zwischen Palästinensern und Christen im Libanon? Anmerkungen zum Film „The Insult“

  • Wer länger in Beirut weilt, wird irgendwann mit der „Palästinenser-Frage“ konfrontiert. Seit ihrer Flucht aus Palästina vor sieben Jahrzehnten leben mehr als 450.000 Palästinenser im Libanon. In Beirut unter anderen in den Stadtteilen Sabra und Schatila. In ihnen wurden während des libanesischen Bürgerkrieges 1982 geschätzt bis zu 3000 Palästinenser von maronitischen Milizen auf bestialische Weise massakriert.  Ein Besuch dort führte uns an das Memorial, das die Namen und Fotografien vieler Getöteter festhält . Im weiteren Rundgang zeigten sich uns die unwürdigen Lebensbedingungen der Menschen dort, die auf engstem Raum zusammenleben. Wie lange hält ein Mensch solche eine Situation aus – ohne Rechtsstatus zu leben und mit unzähligen Einschränkungen wie dem  Verbot auf legale Arbeit, Eigentumserwerb und anderem mehr? Und wie wird solch ein Trauma wie das von 1982 verarbeitet?
  • Der Film „The Insult“ vom libanesischen Regisseur Ziad Doueiri versucht darauf eine Antwort. Letztes Jahr kam er in die Kinos und Kamel El Basha wurde darin für seine Rolle als Yasser bei den Filmfestspielen in Venedig als bester Schauspieler ausgezeichnet. Mit den anderen Studierenden hier an der NEST haben wir ihn uns angeschaut. Der Film erzählt die Geschichte zweier Männer, die aneinander geraten. Yasser, Palästinenser und ausgebildeter Ingenieur, arbeitet als illegaler Handwerker. Von seinem Chef wird er eines Tages beauftragt, in einem Stadtviertel Regenrinnen auszutauschen. Dabei trifft er auf Tony Hanna, der ihm aber für den Austausch den Einlass in seine Wohnung verbietet. So versucht Yasser von außen am Balkon von Tonis Wohnung  seinem Auftrag nachzukommen. Toni bemerkt, was geschieht und wird wütend. Es entsteht ein Streit, ein kurzes provozierendes Wortgefecht, das mit einer Beleidigung Yassers an Toni endet. Von einem Palästinenser beleidigt worden zu sein, ist für den maronitischen Christen Toni unerträglich. Er erstattet Anzeige. Es folgt ein Gerichtsverfahren, das sich mehr und mehr aufschaukelt und von Presse und Fernsehen regelrecht zum Medienereignis hochgepuscht wird. Zeitweise sitzt Yasser in Untersuchungshaft. Der Film enthält seine Dramatik dabei insbesondere durch die  beiden konkurrierenden Rechtsanwälte. Denn Yassers Anwältin Nadine Wehbe ist die Tochter von Tonis Anwalt Wajdi Wehbe. Vater und Tochter streiten letztlich über die Deutungshoheit der Palästinenserfrage. Im Verlauf des Films leuchten Hintergründe, Geschichte und die Lebensbedingungen von Yasser auf und der Zuschauer sympathisiert mit Yasser. Doch dann nimmt der Film eine Wende, weil sich herausstellt, dass nicht nur Yasser, sondern auch Toni traumatisiert ist. Er stammt aus Damur, einem kleinen Küstenort südlich von Beirut. 1976 verübten dort palästinensische Milizen ein Massaker.  Als kleiner Junge musste Tony seinen Heimatort flüchtend verlassen. So tragen beide eine Geschichte mit sich, die geprägt ist von großen gegenseitigen Verletzungen zwischen Christen und Palästinensern. Das Ende des Films zeigt uns einen versöhnenden Moment zwischen Yasser und Toni.
  • Der Film besticht durch seinen Perspektivwechsel. Er zeigt die gegenseitigen Verstrickungen der im Libanon lebenden Gruppierungen. Einfache Antworten verbieten sich. Er macht deutlich, wie sich Feindbilder festsetzen und wie schwer Versöhnung ist. Yasser und Toni haben nicht selber von ihren Verletzungen erzählen können, ihre Anwälte haben es stellvertretend für sie getan. Letztlich wirkten sie als Mediatoren. Der Prozess hat Yasser und Toni verändert. Ein Fenster in das Leben und die Geschichte des anderen hat sich geöffnet. Der Hass hat seine Härte verloren.

 

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