Beten für den Fluss

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Eine kleine Gruppe von Frauen – Musliminnen und Christinnen. Seit dem Ende des Bürgerkrieges treffen sie sich regelmäßig zu Exkursionen. Dabei wollen sie vor allem eines: Begegnung. Das ist es, was so oft fehlt, wenn die Dörfer nach Religionen aufgeteilt sind und man – obwohl in unmittelbarer Nachbarschaft – wenig miteinander spricht. Die Frauen von Darb Mariam – „The Path of Mary“ betonen, dass Maria eine verbindende Figur zwischen Christentum und Islam ist. Und so sind sie gemeinsam unterwegs. Stärken das, was verbindet. Und vielleicht eine Brücke über das Misstrauen schlägt.

An diesem Tag sind wir unterwegs in die Bekaa Ebene. Eine muntere Gruppe von Frauen ist da beisammen. Wir wollen am Litani Fluss für die Natur und das Wasser beten.

Der Litani Fluss ist der am meisten verschmutzte Fluss im Libanon. „Früher“ – sagt Maja meine Nachbarin im Bus – „war die Bekaa-Ebene der Schatz des Libanon!“

Hier werden die Lebensmittel angebaut – Gemüse, Früchte, Wein. Die Ebene liegt klimatisch sehr günstig zwischen den Gebirgszügen des Mount Libanon und dem Anti-Libanon, hin zur syrischen Grenze. Von dort aus sind es nur 30 km bis Damaskus. Der Litani Fluss war das Herzstück für die Bewässerung der Ebene. Heute ist er eine Müllhalde. Chemiefirmen leiten ihre Abwässer ein. Zementfirmen verschmutzen den Fluss mit ihren Abfällen aus der Zementherstellung.

Nach dem Krieg sind in vielen Dörfern die Abwassersysteme zerstört gewesen und wurden nie wieder funktionstüchtig aufgebaut. Dafür gibt es kein Geld, weder in den Dörfern noch auf der Regierungsebene.

Mittlerweile gibt es etliche Initiativen. Die Menschen wissen, dass ihr Leben und ihre Lebensmittel vom Fluss abhängen. Mittlerweile finden in vielen Ortschaften am Fluss wöchentliche Versammlungen und Demonstrationen zu dem Thema statt.  Das hat immerhin bewirkt, dass die Abfälle aus dem Zement nicht mehr eingeleitet werden. Seitdem erholt sich der Fluss, aber es gibt noch viel zu tun.

Maja berichtet, dass das Thema „Litani Fluss“ fast täglich in den Zeitungen ist. Der Druck auf die Regionalverwaltungen und die Regierung wächst. Die Menschen wollen das nicht mehr hinnehmen.

Ich erinnere mich daran, wie der Rhein vor 30 Jahren verseucht war von Chemieabfällen. Heute können wir wieder darin schwimmen.

Die Natur kann sich erholen, wenn der Mensch zur Einsicht kommt. Und wenn es einen politischen Willen dafür gibt. Im Libanon ist das komplizierter als in Deutschland. Weil immer verschiedene Religionsgruppierungen eingebunden sind und – wie bei uns auch oft – die Interessen der Gruppen über das Thema dominieren.

Die Frauen von Darb Mariam unterstützen aktiv. Heute beten wir muslimische und christliche Gebete unterwegs. Auch in einer Griechisch-Katholischen Kirche. Alle sind sich einig. Sie wollen den Druck auf die Regierung aufrecht erhalten. Die Ortschaften am Litani Fluss mit ihrer Präsenz unterstützen.

Vielleicht ist das die große Chance unserer Spiritualität: Wir sind eingebunden in ein größeres Geschehen und der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge. Das verpflichtet zum Engagement für die, die keine Stimme haben. Flüsse zum Beispiel.

 

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