Spätes Entdecken – der palästinensische Theologe Mitri Raheb und seine Anfrage an die Kirchen im Westen

Begegnungen und Gespräche zwischen Christen und Juden in Deutschland sind bis heute gekennzeichnet durch die Erfahrungen des Holocausts. Der Antisemitismus, der zur unsäglichen systematischen Vernichtung jüdischer Frauen und Männer geführt hat, hat zu einer Neubestimmung einer Theologie nach Auschwitz geführt, die u.a. auch das Jüdischsein Jesu neu in den Blick genommen hat. Bis heute ist das Miteinander von den Bemühungen nach Versöhnung und  Neubeginn im christlich-jüdischen Zusammenleben geprägt. Nicht ohne Belang ist dabei auch der Blick auf die Gründung des Staates Israel, der jedoch in der zurückliegenden Geschichte gerade auch von Seiten der Kirche und der Theologie in Deutschland als unscharf und ambivalent zu sehen ist.

George Sabra, Leiter der Nest, hat darauf in einem Vortrag aufmerksam gemacht  und sich dabei auf seine theologische Standortbestimmung bezogen, die jüngst  in dem Kompendium  „Christianity in North Africa und West Asia“ veröffentlicht wurde. Neben der Konvivenz mit Muslimen beschäftigt arabische Christen vor allem der arabisch-israelische Konflikt. Nach der „Nakba“ – der Katastrophe -, die mit der Gründung des Staates Israels vor 70 Jahren und der gewaltvollen Vertreibung Hunderttausender Palästinenser einher ging, stehen arabische Christen vor der Frage, wie sie diesen „Einschnitt“ mit seinen gewaltvollen Folgen aus der Sicht ihres Glaubens bewerten und verstehen können. Verstärkt haben sich die Fragen insbesondere nach der Besetzung von West-Bank, Ost-Jerusalem, Gaza und der Golan-Höhen 1967 und dem Versuch diese Okkupationen  nunmehr theologisch mithilfe der Tora  zu begründen. Hierfür dienten insbesondere die Topoi von „Exodus“, „Erwählung“ und „Landverheißung“ zur Rechtfertigung.

Für palästinensische Christen, die seit Entstehung des Christentums das biblische Land bewohnen, stellte diese Entwicklung nicht nur ihre Identität, sondern auch ihr grundsätzliches Verstehen alttestamentlicher Texte in Frage. Wie belastet das Verhältnis arabischer Christen zu Israel ist, ist auch hier in der NEST spürbar. Das Nachbarland mit Namen auszusprechen wird vermieden. Hedda Klipp, Professorin für Altes Testament, spricht über die große Zurückhaltung unter den Studierenden die hebräische Sprache zu erlernen, hebräische Lieder zu singen und sich mit alttestamentlichen Texten auseinanderzusetzen.

In den 1990er Jahren wurde der palästinensische lutherische Theologe Mitri Raheb zur Stimme der unterdrückten Christen. Er war lange Zeit Pfarrer der Weihnachtskirche in Bethlehem und ist Mit-Unterzeichner des sogenannten „Kairos-Palästina-Dokumentes“ aus dem Jahr 2009, das die Leiderfahrungen seines Volkes beleuchtet und für das Lebensrecht der Palästinenser mit eigenem Staat eintritt.

Mitri Raheb zu entdecken, zu später Zeit, fast am Ende dieses dreimonatigen Sabbaticals war ein Gewinn! Ein Gewinn nicht nur in Bezug auf seine befreiungstheologischen Positionen gerade auf die o.g. Topoi, sondern auch auf seine kritischen Anfragen an die westliche Theologie und westliche Kirche überhaupt! Die „Wiedergutmachung“ des Holocausts durch die Gründung und Befürwortung des Staates Israels durch die Westmächte brachte Vertreibung und Enteignung eines anderen, des palästinensischen Volkes von seinem Heimatland mit sich. Der Versuch des „Reinwaschens“ einer Sünde sei mit einer neuen erkauft. Der Staat Israel werde dabei mythologisiert. Er sei die Erfüllung des Versprechens Gottes an sein Volk nach Rückkehr in das Heilige Land. So hält es auch die Resolution der  Landessynode der Ev. Kirche im Rheinland von 1980 hält, indem sie  in der „Gründung des Staates Israel ein Zeichen von Gottes Treue“ an sein Volk sieht. Was soll ein palästinensischer Christ von solcher „Treue Gottes“ halten, die ihm nur Flucht und Vertreibung gebracht und zu einem Fremden im eigenen Land gemacht hat? Mit keinem Wort wird diese dort Frage berührt. Die vielfach unkritische Gleichsetzung des Staates Israel mit dem biblischen Israel und die weitgehende Kommentarlosigkeit deutscher Kirchen zur Situation palästinensischer Christen werden als demütigend empfunden. Aktuelle Stellungnahmen sind zwar ausgewogener (siehe z.B. die  Gottesdienst-Arbeitshilfe der EKIR aus diesem Jahr zum  70 jährigen Bestehen des Staates Israel), dennoch bleibt es bei einer grundsätzlich eben auch theologisch begründeten Befürwortung des Staates Israel.

Hier setzt Mitri Raheb und mit ihm viele weitere führende Theologen aus dem Mittleren Osten an. Das Kairos-Palästina-Dokument will insbesondere als Herausforderung an die westlichen Kirchen verstanden sein „to revisit theologies that justifie crimes perpetrated against our (Palestinian) people and the dispossession of the land and declares that the military occupation of our land is a sin against God and humanity and that any theology that legitimizes the occupation is far from Christian teachings.“ (zitiert nach Sabra)

Die Theologie nach Auschwitz ist zu Recht darum bemüht, das Jüdischsein Jesu in den Blick zu nehmen. So wie die Rede von Jesus nicht antijüdisch werden darf, darf sie gleichermaßen nach Raheb aber auch nicht „anti-palästinensisch“ werden.

Das Erwählung Israels und die Landverheißung gehören zur Essenz jüdischen Glaubens. Niemals dürfen diese sich aber mit theologischer Legitimierung an einer konkreten Organisation bzw. Staatsform mit definierten Grenzen festmachen.

Mitri Raheb verhilft mir meine theologische Perspektive bezüglich der Bedeutung (des Staates) Israels neu zu beleuchten und zu schärfen. Auch wenn das von ihm mit entwickelte Dokument Schwächen aufweist insbesondere bezüglich einer selbstkritischen Bewertung der Rolle der Palästinenser zu Terrorismus und Selbstmordattentaten, nehme ich seinen Appell auf, als westliche Theologin die belastete und vielfach ausweglos scheinende Situation des palästinensischen Volk bewusster und aufmerksamer in den Blick zu nehmen und verstärkt darauf zu achten, wie in unseren Kirchen und den jüdisch-christlichen Beziehungen von Israel gesprochen wird.

Jamil, palästinensischer Theologiestudent aus Nablus hier an der NEST, zeigte uns vergangene Woche ein Video über seine palästinensische Heimat. Es zeigte u.a. auch die israelische Sperranlage, die mit einer bis zu acht Meter hohen Mauer Bethlehem von Jerusalem und kleineren palästinensischen Dörfern trennt und damit zeichenhaft das Leid deutlich macht, in dem sein Volk seit Jahrzehnten lebt. In zwei Wochen feiern wir Weihnachten. Übermorgen fliegen wir zurück nach Deutschland. Über die Geburtsstadt Jesu werde ich in diesem  Jahr anders predigen.

(Literatur:       George Sabra, Theology, in: Christianity in North Africa and West Asia, hg. Kenneth R. Ross u.a., 2018.  Mitri Raheb, I am a Palestinian Christian, 1995. Kairos Palestine, “ A moment of truth: A word of faith, hope, and love from the heart of Palestinian suffering”, Jerusalem 2009)

 

 

 

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Theologin sein und Pfarrerin werden – das ist nicht dasselbe

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Wir sind im Armenischen Quartier von Beirut, Burj Hammoud. Hier haben die Menschen 1915/16 Zuflucht gefunden – sowie in Syrien, dem Iran und anderen Ländern des Mittleren Ostens. Der Genozid an 1.5 Millionen Armeniern ist noch immer nicht anerkannt. Die Bundesrepublik Deutschland ist eines der wenigen Länder, die dazu klar Stellung bezogen haben.

Zwei junge Theologinnen der Evangelischen Armenischen Kirche, haben an der NEST studiert und zeigen uns etwas von dem quirligen Stadtteil. Beim Kaffee in der Pause erzählen beide aus ihrer Geschichte.

Liza kommt aus Kasab im Westen Syriens. Talars Großeltern kommen aus Madrash. Durch den Genozid mussten sie nach Aleppo fliehen. Von dort ist die Familien im Syrienkrieg in den Libanon gekommen und wohnt nun im Armenischen Viertel Burj Hammoud.

Beide Frauen haben ihren Abschluss mit „Master of Divinity“ gemacht, haben also beste Voraussetzungen, Pfarrerinnen in der Evangelischen Armenischen Kirche zu werden.

Theoretisch.

Praktisch allerdings werden Frauen als Theologinnen in die hinterste Reihe geschoben. Die Ordination von Frauen ist noch weit weg. Es gibt wenige Ausnahmen. Die Struktur der Kirche ist kongregational, d.h. die Gemeinde hat das Hoheitsrecht für alle Entscheidungen, nicht die Synode. Für Liza und Talar bedeutet das, sie sind abhängig. Es gibt keine einheitliche klare Richtung.

Ich denke: Wie wäre es wohl bei uns? Wenn die Ortsgemeinden darüber befinden dürften, ob Frauen Pfarrerinnen werden dürfen oder nicht – ich bin nicht sicher, welche Entscheidungen es dazu jeweils – auch heute 2018 – gäbe!

Beide Frauen sind verletzt, weil sie als Theolginnen in ihrer Kirche nicht wahrgenommen werden. Niemand, der fragt: „Wie geht es mit Deinem Weg weiter?“

Beide haben Alternativen gefunden, z.B. als Fachkräfte in der Bibliothek. Wenn der Krieg in Syrien nicht gekommen wäre, dann hätten sie mit ihrer Kirche gestritten. Aber so – es gibt derzeit keine Perspektive, nicht in Syrien und nicht mit der Evangelischen Armenischen Kirche. Ein Ausreiseantrag – vielleicht eine Option?.

Eine junge Frau mehr – denke ich –  die den Mittleren Osten verlässt. Wie schade wäre das! Welche Verantwortung haben wir als Kirchen und Ökumenische Partnerkirchen des Westens?!