Plastik-Denk-Mal

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Am Stand von Beirut. Von weitem fällt es gar nicht auf. Erst beim zweiten Hinschauen die Irritation: Was ist das?

Ich nähere mich und stehe schließlich vor einer Art Bootsrumpf. Seine Holzplanken sind mit  Hunderten von aneinandergebundenen leeren Plastikwasserflaschen umwickelt worden.

Jemand hat sie aufgesammelt. Überall liegen sie herum. In den stinkenden Müllhaufen am Ende des Strandes. Auf den vorgelagerten Felsen an der Corniche. Im Meer schwimmen sie zu Dutzenden. In den Gräben an den Straßenausfahrten Beiruts finden sie sich gehäuft und gestapelt.

Nach aktuellen Schätzungen* fallen täglich 700 bis 830 Tonnen Plastikmüll im Libanon an. Überall ist Plastik im Einsatz. In vielen Restaurants ist es Standard, dass Teller, Besteck und Trink-Becher aus Plastik sind. Nach dem Essen dort wird mithilfe der Tischdecke aus Plastik alles einfach zusammengerollt und in den Müll weggeworfen.

Jemand hat sie aufgesammelt die leeren Plastikwasserflaschen, sie aneinandergebunden und um den Schiffsrumpf gewickelt. Der Versuch einer Recyclingmaßnahme? Ich habe vielmehr den Eindruck vor einem  Denk-Mal zu stehen, ja mehr noch – vor einem Mahn-Mal. Es sind große Herausforderungen, die der Libanon politisch und gesellschaftlich zu bewältigen hat. Eine nicht mindere ist die ökologische. Die Binnen-Gewässer und das Meer sind allesamt verseucht. Bei starken Regenfällen, wie sie jetzt ab November  mehr und mehr zunehmen, schwemmen die Flüsse Berge von Abfällen ins Meer. Das Plastik löst sich in kleinen Partikeln am Meeresboden ab. Die gesundheitlich bedenklichen Folgen, die die Aufnahme von Plastik in unsere menschliche Nahrungskette hat, sind hinreichend bekannt. Es gibt Versuche, Anfänge, erste Maßnahmen umzusteuern. Die Kampagne „No to Plastic”, die die Stadt Byblos im Juni dieses Jahres in Zusammenarbeit mit dem Umweltprogramm der UN gestartet hat, ist eine davon. Ein kleiner Lichtblick.

*siehe: Charlie Darwich-Houssami: A sea of garbage. Lebanon’s polluted paradise. In: Executive-Magazine Juli 2018

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Gibt es Versöhnung zwischen Palästinensern und Christen im Libanon? Anmerkungen zum Film „The Insult“

  • Wer länger in Beirut weilt, wird irgendwann mit der „Palästinenser-Frage“ konfrontiert. Seit ihrer Flucht aus Palästina vor sieben Jahrzehnten leben mehr als 450.000 Palästinenser im Libanon. In Beirut unter anderen in den Stadtteilen Sabra und Schatila. In ihnen wurden während des libanesischen Bürgerkrieges 1982 geschätzt bis zu 3000 Palästinenser von maronitischen Milizen auf bestialische Weise massakriert.  Ein Besuch dort führte uns an das Memorial, das die Namen und Fotografien vieler Getöteter festhält . Im weiteren Rundgang zeigten sich uns die unwürdigen Lebensbedingungen der Menschen dort, die auf engstem Raum zusammenleben. Wie lange hält ein Mensch solche eine Situation aus – ohne Rechtsstatus zu leben und mit unzähligen Einschränkungen wie dem  Verbot auf legale Arbeit, Eigentumserwerb und anderem mehr? Und wie wird solch ein Trauma wie das von 1982 verarbeitet?
  • Der Film „The Insult“ vom libanesischen Regisseur Ziad Doueiri versucht darauf eine Antwort. Letztes Jahr kam er in die Kinos und Kamel El Basha wurde darin für seine Rolle als Yasser bei den Filmfestspielen in Venedig als bester Schauspieler ausgezeichnet. Mit den anderen Studierenden hier an der NEST haben wir ihn uns angeschaut. Der Film erzählt die Geschichte zweier Männer, die aneinander geraten. Yasser, Palästinenser und ausgebildeter Ingenieur, arbeitet als illegaler Handwerker. Von seinem Chef wird er eines Tages beauftragt, in einem Stadtviertel Regenrinnen auszutauschen. Dabei trifft er auf Tony Hanna, der ihm aber für den Austausch den Einlass in seine Wohnung verbietet. So versucht Yasser von außen am Balkon von Tonis Wohnung  seinem Auftrag nachzukommen. Toni bemerkt, was geschieht und wird wütend. Es entsteht ein Streit, ein kurzes provozierendes Wortgefecht, das mit einer Beleidigung Yassers an Toni endet. Von einem Palästinenser beleidigt worden zu sein, ist für den maronitischen Christen Toni unerträglich. Er erstattet Anzeige. Es folgt ein Gerichtsverfahren, das sich mehr und mehr aufschaukelt und von Presse und Fernsehen regelrecht zum Medienereignis hochgepuscht wird. Zeitweise sitzt Yasser in Untersuchungshaft. Der Film enthält seine Dramatik dabei insbesondere durch die  beiden konkurrierenden Rechtsanwälte. Denn Yassers Anwältin Nadine Wehbe ist die Tochter von Tonis Anwalt Wajdi Wehbe. Vater und Tochter streiten letztlich über die Deutungshoheit der Palästinenserfrage. Im Verlauf des Films leuchten Hintergründe, Geschichte und die Lebensbedingungen von Yasser auf und der Zuschauer sympathisiert mit Yasser. Doch dann nimmt der Film eine Wende, weil sich herausstellt, dass nicht nur Yasser, sondern auch Toni traumatisiert ist. Er stammt aus Damur, einem kleinen Küstenort südlich von Beirut. 1976 verübten dort palästinensische Milizen ein Massaker.  Als kleiner Junge musste Tony seinen Heimatort flüchtend verlassen. So tragen beide eine Geschichte mit sich, die geprägt ist von großen gegenseitigen Verletzungen zwischen Christen und Palästinensern. Das Ende des Films zeigt uns einen versöhnenden Moment zwischen Yasser und Toni.
  • Der Film besticht durch seinen Perspektivwechsel. Er zeigt die gegenseitigen Verstrickungen der im Libanon lebenden Gruppierungen. Einfache Antworten verbieten sich. Er macht deutlich, wie sich Feindbilder festsetzen und wie schwer Versöhnung ist. Yasser und Toni haben nicht selber von ihren Verletzungen erzählen können, ihre Anwälte haben es stellvertretend für sie getan. Letztlich wirkten sie als Mediatoren. Der Prozess hat Yasser und Toni verändert. Ein Fenster in das Leben und die Geschichte des anderen hat sich geöffnet. Der Hass hat seine Härte verloren.