Der Eremit im Qadisha-Tal

Eine ungewöhnliche Begegnung. Besuch beim Eremiten im Qadisha-Tal.

„Ein besseres Leben kann ich mir nicht vorstellen“, das sagt der Mönch Dario Escobar immer wieder. Er lebt in Felsenhöhlen an einer schwer zugänglichen Stelle im Qadisha-Tal. Eine Stunde etwa steigen wir bis dahin ab, einen steilen Weg, teilweise mit Treppenstufen, manche Stellen auch mit einem Handlauf gesichert. Mit einem Fahrzeug kommt man nicht dahin.p1030600
Die Wohnung des Eremiten besteht aus 2 oder drei kleinen Höhlen in der steilen Felswand. Die geräumigste davon enthält die winzige Kirche, nicht größer als ein Zimmer. Die Wände sind mit Ausnahme der Eingangsseite die Felswände. Drinnen befinden sich Sitzgelegenheiten, an die Felswand gehängte Bilder, ein einfacher Holzaltar und ein Schrankmit ein paar Büchern. Er lebt von dem, was in seinem Garten, dessen wenige Quadratmeter dem steilen Fels abgerungen sind, wächst, aber auch von dem, was ihm Frauen aus dem Dorf bringen. Das ganze Jahr ist er hier. Nur drei mal im Jahr muss er zur Zusammenkunft seines Ordens, das verlangt die Regel der maronitischen (=libanesisch-katholischen) Ordens, dem er beigetreten ist.

Der Eremit lebt hier allein, schläft auf einer dünnen Schaumstoffmatratze, anstelle eines Kopfkissens hat er einen Stein. Manchmal kommen Menschen zu ihm, um seinen Rat oder die Nähe der Heiligkeit zu suchen. 12 bis 14 Stunden Gebet, ansonsten Gartenarbeit, Übersetzen von Büchern, 5 Stunden Schlaf, das  ist ungefähr sein Tagesablauf. Wenn er keine Lust auf Begegnungen hat, spricht er nicht, sondern sitzt einfach da und meditiert.
Aber wir haben Glück. Er ist bereit, Menschen zu empfangen. Eine kleine Gruppe von libanesischen Frauen trägt ihm ihre Sorgen und Bitten vor: kranke Familienangehörige, Schwierigkeiten mit Söhnen im Jugendalter, die unsichere Liebe eines ihrer Kinder. Der Eremit hört zu, verspricht, die Anliegen in sein Gebet aufzunehmen, und fragt nach dem Namen derer, für die er beten soll. Am Ende wird ein Bild mit dem Eremiten gemacht, sie setzen sich zu ihm, lassen sich fotografieren, dass dieser Moment dokumentiert ist.p1030598
Danach kommt der Eremit auch zu uns. Ungefragt erzählt er von seinem früheren Leben: Er habe Geld gehabt, aber sei nicht glücklich gewesen. Jetzt sei er aber hier und sei glücklich. Ein besseres Leben gebe es für ihn nicht. Nachts schlafe er in einer Höhle und habe einen Stein als Kopfkissen. Anders wolle er es nicht. Dann spricht er nacheinander Studentinnen aus unserer Gruppe an. Eine berührt er an ihrem Tattoo und meint, dass sie ohne dieses auch schön sei, und dass ihm das nicht gefalle. Er fragt weiter, ob sie verheiratet seien. Als eine verneint, meint er, wo sie herkäme, die Männer dort seien wohl blind, sie sähe doch gut aus.
Wie er bete, will jemand wissen. Er schaue Gott an, und Gott schaue ihn an. Mehr kann er dazu eigentlich nicht sagen.
Eine Studentin spricht ihn auf spanisch an, sie sprechen wohl kurz über seine Heimat oder darüber, wo sie  Spanisch gelernt hat. Viel mehr Gesprächsthemen gibt es nicht.p1030601

Einen Besuch bei einem Eremiten habe ich mir anders vorgestellt.
Natürlich kann man fragen, ob dieser Mönch nicht einfach seinem früheren Leben entflieht, und ob man in einer solch einsamen Existenz nicht etwas wunderlich wird. Vielleicht ist aber die Frage, ob eine Frau verheiratet ist, für viele hier die erste und wichtigste. Warum kommen Menschen zu diesem Eremiten? Warum gehen die Frauen mit ihren Familienthemen dahin? Die Bitte um Fürbitte ist ganz anders, als wir das aus unseren Gemeinden kennen. Für die meisten Menschen, die zum Eremiten kommen, ist er wohl wie ein Fenster zur Transzendenz, vielleicht ein wenig wie eine Ikone in der orthodoxen Kirche. Darum ist auch die Nähe zu ihm wichtig. Unsere Dozentin erzählt, dass bei einem Besuch einmal eine Frau immer wieder über seinen Bart gestrichen hat, wie um auf diese Weise Segen zu erhalten. Vermutlich gehen auch die Frauen gestärkt aus dieser Begegnung den beschwerlichen Weg wieder nach oben. Ich nehme an, dass sich ihr Weg aus dem Alltag in die Nähe der Heiligkeit gelohnt hat.

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Hintergrund: Schi’iten

Nach Muhammads Tod gab es einen Streit um seine Nachfolge. Die Anhänger der Schia (eigentlich: „Partei“, nämlich der Partei Alis) forderten, dass Muhammads Schwiegersohn Ali Kalif (d. h. „Stellvertreter“) Muhammads) würde. Doch zunächst wurde ein anderer Nachfolger bestimmt. Nach blutigen Auseinandersetzungen konnte Ali schließlich doch Kalif werden. Doch er wurde ermordet. Auch Alis zweiter Sohn Husain, der später Kalif geworden war, wurde gewaltsam getötet. Diese Auseinandersetzung begründet die bis heute unversöhnliche Spaltung unter den Moslems in deren Hauptrichtungen der Sunniten und der Schiiten.

Weinend feiern: das Ashoura Fest

Jedes Jahr feiern die Schiiten, die kleinere der beiden Hauptrichtungen des Islam, Ashoura. In diesen Tagen erinnern sie sich gemeinsam an den Tod der Kalifen Ali und Husain.

Wir hatten die Gelegenheit, mit unserem Islamkurs ein solches Fest zu besuchen. Als wir auf unserem Weg zum schiitischen Viertel kamen, hielten uns Männer mit Funkgerät oder Mobiltelefon an und gaben die Größe unserer Gruppe weiter, bevor wir unseren Weg fortsetzen konnten. An der letzten Station stand ein Auto quer, Waffen wurden offen getragen. In der Nähe unseres Zielortes wurden auch unsere Rucksäcke durchsucht. Dann durften wir weiter. Die Männer wurden von den Frauen getrennt. „Weinend feiern: das Ashoura Fest“ weiterlesen

Eröffnungsgottesdienst

p1020032-2Am Mittwoch, dem 28. September, fand in der Kapelle der NEST der Gottesdienst zum Vorlesungsbeginn statt. In diesem Semester werden Studierende aus 15 Nationen an den Veranstaltungen teilnehmen. Studierende aus Deutschland sind ein großer Teil davon. Neben unserer Gruppe sind auch ein paar Studierende der Theologie aus Deutschland dabei, die 2 Semester hier im Libanon an der NEST studieren können. Unsere Gruppe hat sich „Eröffnungsgottesdienst“ weiterlesen