Ankommen

Nach den ersten vier Wochen hier in Beirut sind wir um viele Begegnungen und Eindrücke reicher. Alle fügen sich zu einem Mosaik zusammen, dessen Größe und Bild wir noch nicht kennen. Und es werden in den nächsten Wochen noch viele Steinchen dazu kommen und am Ende doch kein geschlossenes Gesamtbild ergeben.

Ein paar Eindrücke kann ich hier nennen:

Da sind die täglichen Begegnungen mit den Studenten und Studentinnen hier im Haus, bei der täglichen Andacht, bei den Mahlzeiten, bei unseren Lehrveranstaltungen. Viele kommen aus Syrien und so nach und nach trauen wir uns zu fragen, wie ihre Erfahrungen in den letzten Jahre waren. Wir sehen Kriegsbilder. Wie lebte es sich für sie in Syrien. Andere Kommen aus Palästina oder schlicht aus dem Libanon, sind Armenier, Anglikaner, Presbyterianer – und noch gelingt es mir nicht wirklich unter all diesen Kirchen zu unterscheiden. Das wird sich noch ändern, hoffe ich. Andere Mitstudierende nehmen teil an einem Programm des EMS (SIMO), das es Studierenden verschiedenster Fakultäten ermöglicht ein Jahr in Beirut zu verbringen. Uns alle verbindet das Interesse an den Inhalten des Programms: Ostkirchen und Begegnung mit dem Islam. Wir alle leben im selben Haus mit den Professorenfamilien und den Dozenten. Und wir alle sprechen miteinander meist in der Ligua Franca das  Hauses: englisch. Für uns alle aber, bis auf eine Person, eine Fremdsprache.

Zu uns 6 Pfarrerinnen und Pfarrern aus Deutschland (Hessen und Württemberg) kam eine weitere Person, die an unserem 3monatigen Programm teilnimmt. Für uns alle eine Überraschung, aber eine schöne: Pamela. Sie ist ehrenamtliche, ordinierte Pfarrerin der church of Scotland. Was die Sache leichter macht: als studierte Juristin hat sie in der Familienphase ihre Dozentenstelle aufgegeben und dann bei der BBC gearbeitet. Sie war die Nachrichtenstimme von BBC Cambridge. Ihr Englisch – reiner gehts nicht. Es ist ein Vergnügen ihr zuzuhören. Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, hat sie Theologie studiert und ist nun seit vielen Jahren Pfarrerin in Gemeinde und Krankenhaus und nun ist auch sie hier, um mit uns die orientalischen Kirchen zu studieren und zu erleben und an den Kursen zur Einführung in den Islam teilzunehmen. Eine echte Bereicherung. Und damit ist auch klar, dass wir in unserer Gruppe eben nicht deutsch sprechen können miteinander.

Dr. Rima Nasrallah – van Saane führt uns sehr engagiert ein in die Geschichte und Liturgie der orientalischen Kirchen. Ich erspare allen Lesern die Darlegung zu nichtchaldenonensischen und chalcedonensischen Kirchen. Damit wären wir im Jahr 451. Nachdem die Klärung über die zwei Naturen Jesu beim Konzil von Ephesus (431) genial daneben gegangen ist. Wie muss man sich das vorstellen: wahrer Mensch und wahrer Gott? Und damit das für uns auch etwas anschaulicher wird, stehen zwei Weingläser auf dem Tisch mit etwas Wasser. In eines gießt Dr. Rima Wein, in das andere Öl. „Unvermischt und ungetrennt….“ Aber wie immer ging es nicht nur um die reine Lehre, sondern auch um politische Fragen und wenn schon verschiedene Seiten verschiedene Sprachen sprechen, muss man sich nicht wundern, dass es nicht zu einer Verständigung kam. Die einen lebten im byzantinischen Reich, die anderen im Sassanidenreich. Einander nicht immer zu sehen trägt dann ja auch dazu bei, dass man sich nicht verstehen und verständigen muss. Entscheidend: daraus erwuchsen verschiedene Kirchentraditionen und eben auch Liturgien. Fast alle aber sind heute miteinander verbunden im MECC (middle east Council of churches).

Dazu kommen die Begegnungen in verschiedenen Gemeinden am Rande des Gottesdienstes. Beim Gemeindeessen nach dem Erntedankgottesdienst in All Saints sagte ein Dozent der AUB, dass es für die vielen gut ausgebildeten jungen Leute im Mittleren Osten kaum entsprechende Stellen hier im Land gäbe und dass deshalb ca 50 % aller Absolventen auswandern würden, in die USA, nach Europa und in die Emirate. Auch das ist ein Problem für die Gemeinden, wandern damit doch Menschen aus, die mit einem guten Gehalt auch die Gemeinde und ihre Arbeit unterstützen können. Und: wer wird in 100 Jahren noch hier sein?

Baalbek ist gigantisch, Byblos einfach ergreifend schön, und die Zedern riechen, wirklich, ehrlich. Beirut stinkt gewaltig. Stehender Verkehr überall, aber eine U-Bahn ist ebenso undenkbar wie in Rom. Man müsste dann die Schienen auf Stelzen stellen, denn im Untergrund ist viel zu viel zu finden: Römer waren hier, Griechen waren hier, Ägypter waren hier, Hetither waren hier, es gab hier schon Besiedlung im Neolithikum – und die Phöniker waren hier! Was könnte man hier nicht alles ausgraben, wenn man unter die Erde ginge? Und Beirut ist laut. Ständig hupt ein Taxi oder ein Bus, ständig muss man ausweichen, auf den Gehweg aufpassen, weil alles schief ist, Löcher hat und man unendlich oft sich den Fuß verstauchen oder fallen könnte. Mit dem Taxi zu einem Besuch der Schnellerschule in der Bekaa Ebene zu fahren bedeutet, über eine Stunde aus Beirut herauszufahren, und es hüpft und schüttelt, ist laut und wir kommen gestresst irgendwo an. Nichts was man von deutschen Straßen kennt und sage jetzt keiner bei uns gäbe es doch auch Stau. Es ist anders. Und selbst nachts hört man das leise Brummen von Maschine, Generatoren? Wir haben es noch nicht herausgefunden, aber alle hören es inzwischen, wir versuchen es zu integrieren. Vielleicht haben diese vielen Grundgeräusche und die Unruhe unseren Genuss bei den Zedern erhöht: nichts, Stille Zedern, Duft, frische Luft.

 

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