Islam studieren und christlich-islamischer Dialog in Beirut

In den Kirchen des Nahen Ostens sind 1400 Jahre Erfahrung im Dialog und Zusammenleben von Christen und Muslimen versammelt; da müsste es doch einiges zu lernen und zu entdecken geben. Vielleicht sogar einen besonderen Schlüssel zu den interkulturellen und religiösen Konfliktlagen in einer globalisierten Welt? Oder neue Ansätze für eine dringend überfällige christliche Theologie der Religionen?

Der Libanon sollte dafür ein besonders verheißungsvoller Boden sein: ist er doch das einzige arabische Land, in dem Christen und Muslime ungefähr gleich stark vertreten sind. Das ist im Allgemeinen eine gute Voraussetzung für einen Dialog auf Augenhöhe.

Mit diesen zugegeben idealistischen Vorstellungen kam ich nach Beirut und an die NEST. Nach gut zwei Monaten bin ich einerseits ernüchtert, andererseits ganz und gar nicht enttäuscht!

Ernüchternd ist die Erkenntnis, dass die Christen und die Kirchen hier im Nahen Osten seit 2000 Jahren an erster Stelle mit dem eigenen Überleben beschäftigt sind und dementsprechend wenig Kraft für theologische Reflexion bleibt. Der Gegner war und ist dabei auch nach dem 7. Jahrhundert keinesfalls ausschließlich „der Islam“. Oft genug haben sich die Christen gegenseitig als Häretiker bekämpft, massakriert, vertrieben, oder zumindest – um für die eigene Konfession einen Vorteil herauszuschlagen – dem jeweiligen Machthaber ans Messer geliefert. Abgesehen von diesen unwürdigen innerchristlichen Konflikten: das Zusammenleben von Christen und Muslimen ist und bleibt trotzdem ein riesengroßes, manchmal unlösbar erscheinendes Problem, selbst im vergleichsweise liberalen Libanon.

Erfreulich ist die Entwicklung der innerchristlichen Ökumene in den letzten Jahrzehnten: im Unterschied zum Weltkirchenrat sind im 1974 gegründeten Middle East Council of Churches (MECC; s. https://mecc.org) seit 1990 sogar alle mit Rom verbundenen orientalisch-katholischen Kirchen als Vollmitglieder vertreten.

Der MECC leistet außerordentlich gute Arbeit in dieser für christliche Kirchen so schwierigen Umgebung, auch auf dem Feld des christlich-islamischen Dialogs. Eindrücklich das Bekenntnis der derzeitigen Generalsekretärin Dr. Souraya Bechealany bei unserem Besuch: „Als Christen schulden wir den Muslimen, dem Nahen Osten und der Welt ausgehend von unserem Glauben an den dreieinigen Gott das gelebte Zeugnis von Liebe und Einheit trotz Vielfalt, ja von Einheit in Vielfalt. Dabei haben wir unser Kreuz auf uns zu nehmen, was auch immer unser Schicksal als Kirchen im Nahen Osten sein wird.“ Dieselbe beeindruckende Haltung erlebten wir immer wieder bei Begegnungen in zahlreichen christlichen Klöstern des Libanon: „Wir dienen allen, auch und gerade den Muslimen.“

In der NEST ist der christlich-islamische Dialog seit Jahrzehnten ein wichtiges Thema. Allerdings sind die evangelischen Christen im Nahen Osten eine verschwindende Minderheit und die Fakultät ist so klein, dass es ihr zunehmend schwerfällt, alle theologischen Fächer auch nur mit einer kompetenten Lehrkraft zu besetzen. Zum Ausgleich kommen Gastdozenten aus Westeuropa oder Amerika zum Einsatz, die nicht in den Kirchen und Erfahrungen vor Ort verwurzelt sind. In den Vorlesungen von Dr. Peter Ford lernt man den Islam und den Koran dennoch solide kennen: vor allem über die gute Auswahl der zugrunde gelegten Lektüre.

Interessant wird es bei Gastvorträgen und Begegnungen mit muslimischen Gesprächspartnern. Da reicht die Palette vom drusischen Scheich, über die islamisch-feministische Theologin, den schiitischen Imam, der ausgehend von Koran- und Hadithsprüchen (ohne jede Berücksichtigung psychologischer oder sonstiger Erkenntnisse) ein Familien- und Eheberatungszentrum betreibt, den muslimischen Philosophieprofessor mit Schwerpunkt Hermeneutik, der deutlich freier reden und urteilen kann, als jeder islamische Geistliche, bis hin zum aufgeschlossenen, theologisch reflektierten sunnitischen Scheich und Imam, der in seiner Freizeit ein Buch über die historischen Leistungen einer evangelischen Missionarsfamilie in seiner Stadt (Sidon) verfasst. Der aber zugleich vorsichtig sein muss im Blick auf feindselige Reaktionen seiner theologisch deutlich anders gestimmten schiitischen Glaubensgenossen, die die umgebenden ländlichen Gebieten dominieren.

Durch die lebendige Anschauung der unterschiedlichen muslimischen Konfessionen, Sekten und Denkungsarten im Libanon gewinnt das eigene Islambild an Weite und Tiefgang.

Über die NEST hinaus bieten verschiedene Universitäten in Beirut reizvolle, hochkarätige Vorträge zum Dialog an: besondere Kompetenz findet sich dabei an der AUB (American University of Beirut) und an der jesuitischen Université Saint-Joseph. Hier gilt es Augen und Ohren offen zu halten, um die Perlen nicht zu versäumen!

Ein Highlight war die Begegnung mit Prof. Dr. Angelika Neuwirth (Berlin), die ich für eine der spannendsten Islamwissenschaftlerinnen der Gegenwart halte. Sie liest den Koran neu als Produkt und besondere Stimme der – europäischen! – Spätantike und schafft durch ihre akribischen philologischen Studien (Projekt „Corpus Coranicum“; https://corpuscoranicum.de) die Grundlagen für eine Überwindung der Diastase zwischen westlicher, säkularer Koranforschung und der gläubigen Auslegung durch muslimische Gelehrte. Und Prof. Dr. Neuwirth wird durchaus auch von der muslimischen Gelehrtenschaft als Autorität in Sachen Koran wahr- und ernstgenommen und hat muslimische Doktorandinnen und Doktoranden.

Am nachhaltigsten erleuchtet und beeindruckt hat mich ein Vortrag, der aufgrund der langjährigen Vertrauensbeziehungen zwischen christlichen und muslimischen Theologen hier in der NEST stattfand. Referent war der führende sunnitische Theologe und Denker im Libanon Prof. Dr. Radwan el Sayyed, der weltweit zur sunnitischen Elite gehört und enge Beziehungen zu den maßgeblichen Leuten etwa an der Al-Azhar Universität in Kairo unterhält. Sein Thema lautete: „Is Islam a religion and a state?“.

Frappiert hat mich seine schonungslose Analyse der grundsätzlichen Krise, in der sich der Islam derzeit befindet. Und seine Darstellung, dass die Führungsschicht der sunnitischen Theologen diese niederdrückende Einschätzung durchaus teile. Der Islam, weder der sunnitische, noch der schiitische, habe es geschafft, nach dem Ende des Kolonialismus auch nur ein einziges funktionierendes Staatswesen zu schaffen; stattdessen lauter „failed states“ und korrupte Diktatoren, einschließlich Iran. Die arabische Bevölkerung traue deshalb im Unterschied zu den Menschen im Westen grundsätzlich keiner Regierung, weil sie nur korrupte erlebt habe. Umgekehrt wage z.B. aktuell in Pakistan die schwächliche Regierung aufgrund der Angst vor dem eigenen religiös-radikalisierten Volk noch nicht einmal, gesprochenes Recht umzusetzen und die freigesprochene Christin Asia Bibi aus dem Land zu lassen.

Den radikalen Zerfallsprodukten dieses politischen Bankrotts „Al Kaida“, „Islamischer Staat“ etc., die sich darauf berufen, auf den wahren Islam der Zeit des Propheten zurückzugehen, aber dabei nur Hass, Gewalt und Zerstörung verbreiten (auch innerislamisch!), stehe man politisch und theologisch reichlich hilflos gegenüber. Die Weltgemeinschaft traue deshalb den Muslimen, immerhin einem Fünftel der Weltbevölkerung, nicht mehr über den Weg – man möchte fast hinzufügen: zurecht.

Am Ende des politischen Teils seines Gedankengangs legte er für mich überraschend und neu dar, wie die Elite der sunnitischen Theologen dieser Tage aus geopolitischen Gründen zur Einsicht komme, dass kein islamischer, sondern nur ein säkularer Staat den Frieden wiederherstellen und wahren könne. Sinnvoll könne in dem Zusammenhang für das islamische Denken der Ansatz bei der „Verfassung von Medina“ sein, die das friedliche Zusammenleben der Muslime mit den andersgläubigen jüdischen Stämmen in einem gemeinsamen „Staatswesen“ regelte.

In der Theologie selbst helfe nur ein kompletter Neuansatz, ein „neues Narrativ“, das allerdings noch nicht sichtbar sei. Leitend dabei dürfe jedenfalls nicht der von den Radikalen besetzte Ruf zurück zum wahren Islam des Anfangs sein, sondern die Schätze der Tradition müssten bewahrt und weitergeführt werden. Die christlichen Kirchen und Staaten im Westen hätten sich dementsprechend neu sortiert, der islamischen Welt stehe diese Aufgabe noch bevor.

Für mich ein Vortrag, der ob seiner Ehrlichkeit und Offenheit und Selbstkritik saß! Und das vor einem gemischten christlich-muslimischen Publikum in einer kleinen evangelischen Hochschule.

Nach meinem Eindruck eine absolute Sternstunde, die mir zudem klarmachte, dass die notwendigen theologischen Einsichten aus der Mitte der arabischen-islamischen Welt selbst kommen müssen. Der sogenannte Euroislam kann dabei höchstens eine Nebenrolle spielen. Als hoffnungsvoll empfinde ich, dass die maßgeblichen Theologen in ihrer durch IS, Al-Kaida, etc. verschärften geistlichen Notlage jetzt immerhin den Schlüssel zu einem neuen Narrativ suchen. Und dass sie deutlich die Hand auszustrecken, zu uns Christen und zu anderen Menschen guten Willens.

 

 

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Liturgie der Assyrischen Kirche des Ostens – Eine Anfrage an uns?

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Gottesdienstbesuch in der Assyrischen Kirche des Ostens

Was für ein Leid in der Geschichte dieser bis heute bei manchen als „häretisch“ geltenden Kirche! In den letzten 1700 Jahren immer wieder verfolgt, massakriert (kaum von Moslems, sondern von anderen „Christen“), unzählige Male vertrieben, bis in unsere Tage mit dem Leben bedroht, deshalb zu großen Teilen immigriert, nach Schweden, Australien, auch Deutschland.

Und gleichzeitig: was für eine bewegende und berührende Liturgie! Durchgängig auf Aramäisch, in der Sprache Jesu – und so sprechen die assyrischen Christen als einzige bis auf den heutigen Tagen in der Familie; mit wunderbaren sensiblen Berührungen der Mitfeiernden, bei der Begrüßung, beim Friedensgruß.

Alles in diesem Gottesdienst ist hochsymbolisch, verkörpert und vergegenwärtigt die Geschichte Jesu als Heilsgeschichte, in welche die Gemeinde unmittelbar hineingenommen ist. Und es „funktioniert“! Kein Gesangbuch ist für diese Liturgie nötig, aber ein Frauenchor (Ephraim, der Syrer, 4.Jh., auf den der Großteil der Texte und Hymnen zurückgeht, war ein früher „Feminist“ und stark an Ökologie interessiert!); die Gemeinde geht mit, singt mit, ist innig beteiligt. Der normale Gottesdienstbesuch beträgt 70%, an Festtagen 100% – man glaubt dem Priester.

Die Frage von Reform, Modernisierung, neuen Lieder stellt sich nicht bei einer Liturgie, die die Menschen unverändert durch 17 Jahrhunderte getragen hat und derart offensichtlich bis heute trägt. Was heißt das für uns, die spirituelle Tiefe unserer Gottesdienste, unsere liturgischen Reformbemühungen, auch unsere Predigtkultur, wo immer mehr die Pfarrerin/der Pfarrer mit ihrer/seiner intellektuellen Originalität, oder individuellen spirituellen Prägung alles „reißen“ soll? In einer Lage, in der liturgischer Konservatismus nicht mal mehr bei den 2-3 kirchlichen Stammmilieus sammelnd und bewahrend wirkt, aber das Gegenteil eben auch nicht??

Test-Post

Tilman Nagel   EZW 4/2016

Die „Verfassung“ von Medina

Die „Verfassung“ von Medina soll vor aller Welt als Beleg für die im Islam seit Mohammeds Zeiten herrschende Religionsfreiheit dienen.1 Wie man hört, sollen sich hohe christliche Würdenträger zu diesem islamischen Anspruch – der zugleich als Beispiel für die Toleranz eines islamischen Staatswesens gegenüber religiösen Minderheiten gelten soll – beifällig geäußert haben. Was aber ist die „Verfassung“ von Medina? Dieser Frage sind die folgenden Seiten gewidmet.

 

Erzählkunst, Fragen und Hoffnung auf Heimat: Gespräch mit zwei Bischöfen der altorientalischen Kirchen.

p1030223-3Am Samstag, den 14. Oktober brechen wir zu zwei Besuchen auf.
Wir werden uns zuerst mit Mor Clemis Daniel Malak Kourieh, Erzbischof der Syriac-Orthodox-Church treffen. „Syriac“ bedeutet, dass dies eine weitere aramäisch-sprachige Kirche ist.
Links über ihm hängt sein Bild. Neben dem Bischofskreuz hat er ein Marienmedaillon umhängen. Das kommt daher: „Erzählkunst, Fragen und Hoffnung auf Heimat: Gespräch mit zwei Bischöfen der altorientalischen Kirchen.“ weiterlesen

Aufgelesen:

„If we are to avoid giving false testimony against our neighbour (Exodus: 20:16), it is essential that Christians should allow Muslims to define themselves and therefore recognise that most Muslims would want to distinguish between ‚Muslims‘, ‚Islamists‘ and ‚Muslim/Islamist terrorists‘.

While the parallel is not exact, one could say that a Muslim studying terrorism in Northern Ireland in recent years would have similar needed to distinguish between Christianity, the Roman Catholic Church and the IRA.“

Colin Chapman: „Christian responses to Islam, Islamism and ‚Islamic terrorism“; in: Cambridge Papers, Volume 16,2, 2007.

West? Ost? Wo liegt das?

von Christof Hartge

Nach der ersten Vorlesung zu „History of contemporary eastern churches“ geht mir furch den Kopf, dass „Ost“ und West“ merkwürdige Richtungsangaben sind.

Als ich Kind war, war ich im Westen und der Osten begann 500 m weiter jenseits der Zonengrenze. Am östlichsten in diesem Sinne war die Tribüne in Moskau, auf der Gromyko, Breschnjew und die anderen saßen, währen die Truppen im Stechschritt vorüberzogen. Es war ein kalter Osten.

Im Studium, weiß ich hatte ich große Schwierigkeiten, wenn vom „westlichen“ Text des NT die Rede war. Der Codex Alexandrinus war „westlicher Text“. Ich schaute in den Atlas. Da lag Alexandria deutlich im Südosten. Leider habe ich mir damals nicht die Frage gestellt, warum ich eigentlich meine, dass Alexandria im Südosten liegt und warum man in der Alten Kirche meinte, es liege im Westen.

Als sich die Grenze öffnete verschob sich der Osten deutlich ins östliche. Nicht sofort, aber Jahr um Jahr. In der Ukraine wissen wir nicht mehr so genau, wo der Westen aufhört und der Osten beginnt. Für Russland scheint die Entscheidung gefallen zu sein.

Liegt dann die Grenze, da wo sie seit der Teilung des römischen Reiches lag, aus der schließlich die westlichen und die östlichen Kirchen erwuchsen.
Wenn ich dann im Urlaub von Kroatien nach Serbien über die Donau wechsele, hat der Osten schon begonnen.

Oder man ließe die Grenze im Bosporus verlaufen, weil da die muslimische Welt und Asien beginnt. Aber Marokko liegt weiter im Westen als Deutschland und befindet sich in Nordafrika.

Merkwürdigerweise habe ich immer gemeint, dass ich im Westen lebe.

Fahrt nach Tyrus über Sidon

Lydia Sabra hat für uns einen Ausflug organisiert. Um 9 Uhr geht es in Downtown Beirut los. Um diese Zeit rollt der Verkehr bereits. Fußgänger, Motorroller, Autos benutzten alle dieselben Flächen, Fahrräder scheinen keine Option für Beirutis zu sein. p1020446So ist ständig eine bunte Verkehrskarawane unterwegs und jeder muss zusehen, wie er durchkommt. Allerdings lösen die Beirutis diese Aufgabe mit viel Verständigung, die weit über das in Deutschland mögliche hinausgeht. Da wird gehupt, gewunken oder einfach auf ein klärendes Gespräch durchs Fenster geführt. Körpersprache ist wichtig für Fußgänger: Blickkontakt suchen, den Körper in Spannung bringen und vorneigen und schon geht es. Für alles das brauche ich ein ungewohntes Maß an Geduld. „Fahrt nach Tyrus über Sidon“ weiterlesen

Hoffnung im Nahen Osten

Pfarrerin i. R. Lydia Laucht hat mir eben das Mitteilungsblatt der Hermannsburger Mission „Mitteilen“ übermittelt Heft 2, 2016). Unter der Überschrift „Hoffnung im Nahen Osten finden sich Artikel der Dozentin der  Nest Rima Nasrallah, der libanesischen Künstlerin Dima Boulad und es Beiruter Grafikers Jubran Elias.

Ein Artikel von Rima Nasrallah zum Studium an der NEST findet sich hier: