West? Ost? Wo liegt das?

von Christof Hartge

Nach der ersten Vorlesung zu „History of contemporary eastern churches“ geht mir furch den Kopf, dass „Ost“ und West“ merkwürdige Richtungsangaben sind.

Als ich Kind war, war ich im Westen und der Osten begann 500 m weiter jenseits der Zonengrenze. Am östlichsten in diesem Sinne war die Tribüne in Moskau, auf der Gromyko, Breschnjew und die anderen saßen, währen die Truppen im Stechschritt vorüberzogen. Es war ein kalter Osten.

Im Studium, weiß ich hatte ich große Schwierigkeiten, wenn vom „westlichen“ Text des NT die Rede war. Der Codex Alexandrinus war „westlicher Text“. Ich schaute in den Atlas. Da lag Alexandria deutlich im Südosten. Leider habe ich mir damals nicht die Frage gestellt, warum ich eigentlich meine, dass Alexandria im Südosten liegt und warum man in der Alten Kirche meinte, es liege im Westen.

Als sich die Grenze öffnete verschob sich der Osten deutlich ins östliche. Nicht sofort, aber Jahr um Jahr. In der Ukraine wissen wir nicht mehr so genau, wo der Westen aufhört und der Osten beginnt. Für Russland scheint die Entscheidung gefallen zu sein.

Liegt dann die Grenze, da wo sie seit der Teilung des römischen Reiches lag, aus der schließlich die westlichen und die östlichen Kirchen erwuchsen.
Wenn ich dann im Urlaub von Kroatien nach Serbien über die Donau wechsele, hat der Osten schon begonnen.

Oder man ließe die Grenze im Bosporus verlaufen, weil da die muslimische Welt und Asien beginnt. Aber Marokko liegt weiter im Westen als Deutschland und befindet sich in Nordafrika.

Merkwürdigerweise habe ich immer gemeint, dass ich im Westen lebe.

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