Plastik-Denk-Mal

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Am Stand von Beirut. Von weitem fällt es gar nicht auf. Erst beim zweiten Hinschauen die Irritation: Was ist das?

Ich nähere mich und stehe schließlich vor einer Art Bootsrumpf. Seine Holzplanken sind mit  Hunderten von aneinandergebundenen leeren Plastikwasserflaschen umwickelt worden.

Jemand hat sie aufgesammelt. Überall liegen sie herum. In den stinkenden Müllhaufen am Ende des Strandes. Auf den vorgelagerten Felsen an der Corniche. Im Meer schwimmen sie zu Dutzenden. In den Gräben an den Straßenausfahrten Beiruts finden sie sich gehäuft und gestapelt.

Nach aktuellen Schätzungen* fallen täglich 700 bis 830 Tonnen Plastikmüll im Libanon an. Überall ist Plastik im Einsatz. In vielen Restaurants ist es Standard, dass Teller, Besteck und Trink-Becher aus Plastik sind. Nach dem Essen dort wird mithilfe der Tischdecke aus Plastik alles einfach zusammengerollt und in den Müll weggeworfen.

Jemand hat sie aufgesammelt die leeren Plastikwasserflaschen, sie aneinandergebunden und um den Schiffsrumpf gewickelt. Der Versuch einer Recyclingmaßnahme? Ich habe vielmehr den Eindruck vor einem  Denk-Mal zu stehen, ja mehr noch – vor einem Mahn-Mal. Es sind große Herausforderungen, die der Libanon politisch und gesellschaftlich zu bewältigen hat. Eine nicht mindere ist die ökologische. Die Binnen-Gewässer und das Meer sind allesamt verseucht. Bei starken Regenfällen, wie sie jetzt ab November  mehr und mehr zunehmen, schwemmen die Flüsse Berge von Abfällen ins Meer. Das Plastik löst sich in kleinen Partikeln am Meeresboden ab. Die gesundheitlich bedenklichen Folgen, die die Aufnahme von Plastik in unsere menschliche Nahrungskette hat, sind hinreichend bekannt. Es gibt Versuche, Anfänge, erste Maßnahmen umzusteuern. Die Kampagne „No to Plastic”, die die Stadt Byblos im Juni dieses Jahres in Zusammenarbeit mit dem Umweltprogramm der UN gestartet hat, ist eine davon. Ein kleiner Lichtblick.

*siehe: Charlie Darwich-Houssami: A sea of garbage. Lebanon’s polluted paradise. In: Executive-Magazine Juli 2018

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Schöpfungsverantwortung

P1140685Meine Aufmerksamkeit wandert ungeplant zu den Tieren.

Auf den Straßen nach Saida sieht man ständig LKWs, press beladen mit Kühen auf dem Weg in die Schlachthäuser im Süden des Landes. Jenseits irgendwelcher Standards, die wir in der EU dazu mittlerweile erarbeitet haben. Es fehlen Trennwände – auf den Straßen schaukeln die Tiere mit jeder Kurve hin und her. Ziel sind die Schlachthöfe, vor allem im Süden des Landes, Sidon und Tyrus. Etwa 2 Stunden Wegstrecke von Beirut.

Wir kennen in Europa noch die Bilder, mit denen 2001 das ZDF die Zustände im Hafen von Beirut öffentlich gemacht hat. Meine Kolleginnen von Animals Angels waren vor 3 Wochen im Hafen und haben die Entladung von 2 Schiffen mit Rindern, sowie ihren Weitertransport dokumentiert. Sie sind resigniert. Es hat sich nicht viel geändert.

Gestern kam ein Schiff mit 1500 Rindern aus Kroatien. Heute sind es ebenso viele aus Brasilien und Kolumbien. Die Tiere aus Kroatien sind 10 Tage auf See. Das Schiff aus Brasilien ist 3 Wochen unterwegs. Viele Rinder sind völlig entkräftet, stehen Tage und Wochen im Kot und es gibt wenig Luft. Die Schiffe sind veraltet, Baujahr 1963-1980 etwa.

Im Supermarkt nebenan sehe ich dann das Schild: „Halal meet from Brazil“.

Die Khalifeh Group (http://khalifehlivestock.com/) hier im Libanon, hat das Geschäft fest in der Hand, besitzt Schiffe und Schlachthöfe.

Die Kehrseite: die EU hat in den letzten 3 Jahren ihre Tierexporte in den Mittleren Osten mehr als verdoppelt, in die Türkei sogar verfünffacht. Jährlich werden derzeit etwa 1 Million Rinder aus der EU in den Mittleren Osten auf diese Weise transportiert.

Es gibt einen Beschluss des EU Gerichthofs von 2015, nach dem das Wohlergehen der Tiere auf den Transporten bist zu Transportende gesichert sein muss.

Fakt ist: an den EU-Außengrenzen endet jegliche Möglichkeit, das Wohlergehen der Tiere irgendwie zu kontrollieren und zu gewährleisten. Darüber muss sich niemand Illusionen machen. Anscheinend gibt es Überlegungen in der EU, wenigstens in den Sommermonaten die Tiertransporte in diese Regionen einzustellen. Aber dann ist da ausgerechnet Ramadan…….das Geschäft kann man sich nicht entgehen lassen. Und wenn nicht die EU, dann kommen die Tiere aus Brasilien.

Ich studiere hier. Ich lese Bücher über die Entstehung des Islam. Über die christlichen Kirchen im Mittleren Osten. Arabisch-Lektionen. Viele Begegnungen mit Menschen und Schicksalen, die mein Herz bewegen und für die es mehr Fragen als Antworten gibt.

Die Tiere gehören dazu und lassen mich nicht los. Es mag für manche Leser*in ein Randthema sein. Für mich ist es das nicht. Zu sehr hat mich die Theologie von Albert Schweitzer von der Ehrfurcht vor dem Leben geprägt. Eine Welt, die nur den Menschen sieht und die Schöpfung ausklammert kann ich theologisch nicht mehr denken. Es ist mir zu Hause nicht egal und hier auch nicht.

Wie könnte es überhaupt in einem Land im Mittleren Osten möglich sein, ein öffentliches Interesse für dieses Thema zu schaffen? Zwischendrin schaue ich im Internet nach. Im Hafen liegen jeden Tag 2-3 Schiffe mit Rindern und Schafen und werden entladen. In welcher Welt leben wir?

 

Gibt es Versöhnung zwischen Palästinensern und Christen im Libanon? Anmerkungen zum Film „The Insult“

  • Wer länger in Beirut weilt, wird irgendwann mit der „Palästinenser-Frage“ konfrontiert. Seit ihrer Flucht aus Palästina vor sieben Jahrzehnten leben mehr als 450.000 Palästinenser im Libanon. In Beirut unter anderen in den Stadtteilen Sabra und Schatila. In ihnen wurden während des libanesischen Bürgerkrieges 1982 geschätzt bis zu 3000 Palästinenser von maronitischen Milizen auf bestialische Weise massakriert.  Ein Besuch dort führte uns an das Memorial, das die Namen und Fotografien vieler Getöteter festhält . Im weiteren Rundgang zeigten sich uns die unwürdigen Lebensbedingungen der Menschen dort, die auf engstem Raum zusammenleben. Wie lange hält ein Mensch solche eine Situation aus – ohne Rechtsstatus zu leben und mit unzähligen Einschränkungen wie dem  Verbot auf legale Arbeit, Eigentumserwerb und anderem mehr? Und wie wird solch ein Trauma wie das von 1982 verarbeitet?
  • Der Film „The Insult“ vom libanesischen Regisseur Ziad Doueiri versucht darauf eine Antwort. Letztes Jahr kam er in die Kinos und Kamel El Basha wurde darin für seine Rolle als Yasser bei den Filmfestspielen in Venedig als bester Schauspieler ausgezeichnet. Mit den anderen Studierenden hier an der NEST haben wir ihn uns angeschaut. Der Film erzählt die Geschichte zweier Männer, die aneinander geraten. Yasser, Palästinenser und ausgebildeter Ingenieur, arbeitet als illegaler Handwerker. Von seinem Chef wird er eines Tages beauftragt, in einem Stadtviertel Regenrinnen auszutauschen. Dabei trifft er auf Tony Hanna, der ihm aber für den Austausch den Einlass in seine Wohnung verbietet. So versucht Yasser von außen am Balkon von Tonis Wohnung  seinem Auftrag nachzukommen. Toni bemerkt, was geschieht und wird wütend. Es entsteht ein Streit, ein kurzes provozierendes Wortgefecht, das mit einer Beleidigung Yassers an Toni endet. Von einem Palästinenser beleidigt worden zu sein, ist für den maronitischen Christen Toni unerträglich. Er erstattet Anzeige. Es folgt ein Gerichtsverfahren, das sich mehr und mehr aufschaukelt und von Presse und Fernsehen regelrecht zum Medienereignis hochgepuscht wird. Zeitweise sitzt Yasser in Untersuchungshaft. Der Film enthält seine Dramatik dabei insbesondere durch die  beiden konkurrierenden Rechtsanwälte. Denn Yassers Anwältin Nadine Wehbe ist die Tochter von Tonis Anwalt Wajdi Wehbe. Vater und Tochter streiten letztlich über die Deutungshoheit der Palästinenserfrage. Im Verlauf des Films leuchten Hintergründe, Geschichte und die Lebensbedingungen von Yasser auf und der Zuschauer sympathisiert mit Yasser. Doch dann nimmt der Film eine Wende, weil sich herausstellt, dass nicht nur Yasser, sondern auch Toni traumatisiert ist. Er stammt aus Damur, einem kleinen Küstenort südlich von Beirut. 1976 verübten dort palästinensische Milizen ein Massaker.  Als kleiner Junge musste Tony seinen Heimatort flüchtend verlassen. So tragen beide eine Geschichte mit sich, die geprägt ist von großen gegenseitigen Verletzungen zwischen Christen und Palästinensern. Das Ende des Films zeigt uns einen versöhnenden Moment zwischen Yasser und Toni.
  • Der Film besticht durch seinen Perspektivwechsel. Er zeigt die gegenseitigen Verstrickungen der im Libanon lebenden Gruppierungen. Einfache Antworten verbieten sich. Er macht deutlich, wie sich Feindbilder festsetzen und wie schwer Versöhnung ist. Yasser und Toni haben nicht selber von ihren Verletzungen erzählen können, ihre Anwälte haben es stellvertretend für sie getan. Letztlich wirkten sie als Mediatoren. Der Prozess hat Yasser und Toni verändert. Ein Fenster in das Leben und die Geschichte des anderen hat sich geöffnet. Der Hass hat seine Härte verloren.

 

Unser Körper ist unser Gedächtnis

Backgammon im Armenischen Viertel von BEirutWir besuchen die Armenische Evangelische High School in Beiruts  Stadtteil Eshrefieh. 350 Kinder vom Kindergartenalter – also ab 8 Monaten – bis zum 12. Schuljahr werden hier unterrichtet. Die Unterrichtssprachen sind Armenisch, Englisch, Arabisch. Wir können uns kaum vorstellen, dass eine Kirche mit einer Volksidentität verbunden ist. Die Tatsache, dass man Armenierin ist, stiftet die Identität auch als Armenische Christin.Es gibt orthodoxe, evangelische und katholische Armenier.

Das Kernland der Armenier umfasst Gebiete der östlichen heutigen Türkei, Nord-Syriens und Georgiens. Im Laufe von mehr als 2000 Jahren wurde dieses Volk von verschiedenen Großmächten im Orient überrollt und besetzt. Die letzte Herrschaft, unter die sie sich beugen mussten war das Ottomanische Reich, also die Vorgängermacht der heutigen Türkei.

2015 jährte sich zum 100. Mal ein riesiges Massaker. Am 24. April 1915 veranlasste die 1908 an die Macht gekommene jung-türkische Bewegung die Verhaftung, Deportation und Ermordung armenischer Intellektueller inIstanbul und leitete damit den Vökermord an 1,5 Millionen Armeniern – zwei Dritteln des im Osmanischen Reich seit Jahrtausenden lebenden christlichen Volkes – ein. Die Überlebenden gingen ins Exil in die Nachbarländer Syrien, Jordanien, Palästina und den Libanon. Zehntausende (vor allem junge Mädchen und Waisenkinder) wurden zwangsislamisiert. Die Region Dersim, türkisch Tunceli, war bis zu ihrer Vernichtung durch die türkische Armee 1937/38 ein wichtiges Refugium für viele Armenier. Nach dem Militärputsch 1980 wurde versucht, auch die Armenier in Dersim zu islamisieren. 1994 wurden etwa 200 Dörfer in Dersim durch türkisches Militär und Para-Militär zerstört. Heute leben in der Türkei circa 60.000 Armenier, fast ausschließlich in Istanbul.

Im Rahmen des Völkerrechts gibt es eine klare Anerkennung der Vertreibung als Genozid. In Deutschland hat der Bundestag in einer Erklärung die Vertreibung der Armenier als Genozid anerkannt und verurteilt. Seitdem gibt es große Spannungen mit der Türkei, die den Völkermord an den Armeniern bestreitet.

Armenien ist seit 1991 selbständig. Die Regierung ist zur vorbehaltlosen Aufnahme diplomatischer Beziehungen und zur Öffnung der Grenzen mit der Türkei bereit; diese besteht jedoch darauf, dass Armenien zuerst den Vorwurf des Genozids während des Osmanischen Reiches fallen lässt und formell auf jede Form von Reparation verzichtet.

Wie wirkt sich die Geschichte dieses Volkes für die Armenier*innen heute aus? Sie sind nach der Vertreibung geboren.  „I will tell you a story“ sagt unsere Gesprächspartnerin. Vor zwei Jahren wurde sie an der Kasse eines Supermarktes angesprochen: „You don’t look turkish, where are you from?”

Heiß und kalt sei es ihr geworden. Herzklopfen. Angstschweiß. Ihre Antwort war „I am from Lebanon!“ Dann sei sie schnell aus dem Laden gegangen.

Ihr Körper hat die Erfahrung der Großeltern gespeichert. So wie auch unsere Eltern die Erlebnisse der Kriegsgeneration gespeichert haben.  Die Traumata gehen weiter. Wir geben sie an unsere Kinder weiter, wenn wir nicht darüber reden und sie in eine andere Energie zum Leben umwandeln. If we don’t transformt he trauma, we transmit it!

Die Beschäftigung hier mit den Ostkirchen ist voll von diesen Erzählungen und Erfahrungen von Verfolgung. Die Syrer haben Ähnliches erlebt. Es gibt hier fast keine christliche Kirche, die nicht von ähnlichen Erfahrungen betroffen wäre und teilweise bis heute bedroht ist. Das hätte ich mir nicht vorgestellt und es öffnet ein Fenster in eine Welt, dich ich nicht kenne. Die alten Kirchen des Ostens haben alle dramatische Rückgänge zu verzeichnen. Die Leute sind auf der Flucht oder emigrieren. Zurück bleibt eine alte Generation.

Und ein wunderbares Musikinstrument, das Duduk.

https://www.youtube.com/watch?v=9u7AhsMv1mo
Sad and Mysterious Music – THE CRY OF ARMENIAN DUDUK
www.youtube.com
Sad and Mysterious Armenian duduk music 2 – https://www.youtube.com/watch?v=ZbOa6B_76Gw

https://www.youtube.com/watch?v=kDwffiTgzKA
L’émouvante arrivée d’Aznavour aux Invalides, sur le son d’un duduk
www.youtube.com

 

 

Ankommen

Nach den ersten vier Wochen hier in Beirut sind wir um viele Begegnungen und Eindrücke reicher. Alle fügen sich zu einem Mosaik zusammen, dessen Größe und Bild wir noch nicht kennen. Und es werden in den nächsten Wochen noch viele Steinchen dazu kommen und am Ende doch kein geschlossenes Gesamtbild ergeben.

Ein paar Eindrücke kann ich hier nennen:

Da sind die täglichen Begegnungen mit den Studenten und Studentinnen hier im Haus, bei der täglichen Andacht, bei den Mahlzeiten, bei unseren Lehrveranstaltungen. Viele kommen aus Syrien und so nach und nach trauen wir uns zu fragen, wie ihre Erfahrungen in den letzten Jahre waren. Wir sehen Kriegsbilder. Wie lebte es sich für sie in Syrien. Andere Kommen aus Palästina oder schlicht aus dem Libanon, sind Armenier, Anglikaner, Presbyterianer – und noch gelingt es mir nicht wirklich unter all diesen Kirchen zu unterscheiden. Das wird sich noch ändern, hoffe ich. Andere Mitstudierende nehmen teil an einem Programm des EMS (SIMO), das es Studierenden verschiedenster Fakultäten ermöglicht ein Jahr in Beirut zu verbringen. Uns alle verbindet das Interesse an den Inhalten des Programms: Ostkirchen und Begegnung mit dem Islam. Wir alle leben im selben Haus mit den Professorenfamilien und den Dozenten. Und wir alle sprechen miteinander meist in der Ligua Franca das  Hauses: englisch. Für uns alle aber, bis auf eine Person, eine Fremdsprache.

Zu uns 6 Pfarrerinnen und Pfarrern aus Deutschland (Hessen und Württemberg) kam eine weitere Person, die an unserem 3monatigen Programm teilnimmt. Für uns alle eine Überraschung, aber eine schöne: Pamela. Sie ist ehrenamtliche, ordinierte Pfarrerin der church of Scotland. Was die Sache leichter macht: als studierte Juristin hat sie in der Familienphase ihre Dozentenstelle aufgegeben und dann bei der BBC gearbeitet. Sie war die Nachrichtenstimme von BBC Cambridge. Ihr Englisch – reiner gehts nicht. Es ist ein Vergnügen ihr zuzuhören. Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, hat sie Theologie studiert und ist nun seit vielen Jahren Pfarrerin in Gemeinde und Krankenhaus und nun ist auch sie hier, um mit uns die orientalischen Kirchen zu studieren und zu erleben und an den Kursen zur Einführung in den Islam teilzunehmen. Eine echte Bereicherung. Und damit ist auch klar, dass wir in unserer Gruppe eben nicht deutsch sprechen können miteinander.

Dr. Rima Nasrallah – van Saane führt uns sehr engagiert ein in die Geschichte und Liturgie der orientalischen Kirchen. Ich erspare allen Lesern die Darlegung zu nichtchaldenonensischen und chalcedonensischen Kirchen. Damit wären wir im Jahr 451. Nachdem die Klärung über die zwei Naturen Jesu beim Konzil von Ephesus (431) genial daneben gegangen ist. Wie muss man sich das vorstellen: wahrer Mensch und wahrer Gott? Und damit das für uns auch etwas anschaulicher wird, stehen zwei Weingläser auf dem Tisch mit etwas Wasser. In eines gießt Dr. Rima Wein, in das andere Öl. „Unvermischt und ungetrennt….“ Aber wie immer ging es nicht nur um die reine Lehre, sondern auch um politische Fragen und wenn schon verschiedene Seiten verschiedene Sprachen sprechen, muss man sich nicht wundern, dass es nicht zu einer Verständigung kam. Die einen lebten im byzantinischen Reich, die anderen im Sassanidenreich. Einander nicht immer zu sehen trägt dann ja auch dazu bei, dass man sich nicht verstehen und verständigen muss. Entscheidend: daraus erwuchsen verschiedene Kirchentraditionen und eben auch Liturgien. Fast alle aber sind heute miteinander verbunden im MECC (middle east Council of churches).

Dazu kommen die Begegnungen in verschiedenen Gemeinden am Rande des Gottesdienstes. Beim Gemeindeessen nach dem Erntedankgottesdienst in All Saints sagte ein Dozent der AUB, dass es für die vielen gut ausgebildeten jungen Leute im Mittleren Osten kaum entsprechende Stellen hier im Land gäbe und dass deshalb ca 50 % aller Absolventen auswandern würden, in die USA, nach Europa und in die Emirate. Auch das ist ein Problem für die Gemeinden, wandern damit doch Menschen aus, die mit einem guten Gehalt auch die Gemeinde und ihre Arbeit unterstützen können. Und: wer wird in 100 Jahren noch hier sein?

Baalbek ist gigantisch, Byblos einfach ergreifend schön, und die Zedern riechen, wirklich, ehrlich. Beirut stinkt gewaltig. Stehender Verkehr überall, aber eine U-Bahn ist ebenso undenkbar wie in Rom. Man müsste dann die Schienen auf Stelzen stellen, denn im Untergrund ist viel zu viel zu finden: Römer waren hier, Griechen waren hier, Ägypter waren hier, Hetither waren hier, es gab hier schon Besiedlung im Neolithikum – und die Phöniker waren hier! Was könnte man hier nicht alles ausgraben, wenn man unter die Erde ginge? Und Beirut ist laut. Ständig hupt ein Taxi oder ein Bus, ständig muss man ausweichen, auf den Gehweg aufpassen, weil alles schief ist, Löcher hat und man unendlich oft sich den Fuß verstauchen oder fallen könnte. Mit dem Taxi zu einem Besuch der Schnellerschule in der Bekaa Ebene zu fahren bedeutet, über eine Stunde aus Beirut herauszufahren, und es hüpft und schüttelt, ist laut und wir kommen gestresst irgendwo an. Nichts was man von deutschen Straßen kennt und sage jetzt keiner bei uns gäbe es doch auch Stau. Es ist anders. Und selbst nachts hört man das leise Brummen von Maschine, Generatoren? Wir haben es noch nicht herausgefunden, aber alle hören es inzwischen, wir versuchen es zu integrieren. Vielleicht haben diese vielen Grundgeräusche und die Unruhe unseren Genuss bei den Zedern erhöht: nichts, Stille Zedern, Duft, frische Luft.

 

Liturgie der Assyrischen Kirche des Ostens – Eine Anfrage an uns?

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Gottesdienstbesuch in der Assyrischen Kirche des Ostens

Was für ein Leid in der Geschichte dieser bis heute bei manchen als „häretisch“ geltenden Kirche! In den letzten 1700 Jahren immer wieder verfolgt, massakriert (kaum von Moslems, sondern von anderen „Christen“), unzählige Male vertrieben, bis in unsere Tage mit dem Leben bedroht, deshalb zu großen Teilen immigriert, nach Schweden, Australien, auch Deutschland.

Und gleichzeitig: was für eine bewegende und berührende Liturgie! Durchgängig auf Aramäisch, in der Sprache Jesu – und so sprechen die assyrischen Christen als einzige bis auf den heutigen Tagen in der Familie; mit wunderbaren sensiblen Berührungen der Mitfeiernden, bei der Begrüßung, beim Friedensgruß.

Alles in diesem Gottesdienst ist hochsymbolisch, verkörpert und vergegenwärtigt die Geschichte Jesu als Heilsgeschichte, in welche die Gemeinde unmittelbar hineingenommen ist. Und es „funktioniert“! Kein Gesangbuch ist für diese Liturgie nötig, aber ein Frauenchor (Ephraim, der Syrer, 4.Jh., auf den der Großteil der Texte und Hymnen zurückgeht, war ein früher „Feminist“ und stark an Ökologie interessiert!); die Gemeinde geht mit, singt mit, ist innig beteiligt. Der normale Gottesdienstbesuch beträgt 70%, an Festtagen 100% – man glaubt dem Priester.

Die Frage von Reform, Modernisierung, neuen Lieder stellt sich nicht bei einer Liturgie, die die Menschen unverändert durch 17 Jahrhunderte getragen hat und derart offensichtlich bis heute trägt. Was heißt das für uns, die spirituelle Tiefe unserer Gottesdienste, unsere liturgischen Reformbemühungen, auch unsere Predigtkultur, wo immer mehr die Pfarrerin/der Pfarrer mit ihrer/seiner intellektuellen Originalität, oder individuellen spirituellen Prägung alles „reißen“ soll? In einer Lage, in der liturgischer Konservatismus nicht mal mehr bei den 2-3 kirchlichen Stammmilieus sammelnd und bewahrend wirkt, aber das Gegenteil eben auch nicht??

Test-Post

Tilman Nagel   EZW 4/2016

Die „Verfassung“ von Medina

Die „Verfassung“ von Medina soll vor aller Welt als Beleg für die im Islam seit Mohammeds Zeiten herrschende Religionsfreiheit dienen.1 Wie man hört, sollen sich hohe christliche Würdenträger zu diesem islamischen Anspruch – der zugleich als Beispiel für die Toleranz eines islamischen Staatswesens gegenüber religiösen Minderheiten gelten soll – beifällig geäußert haben. Was aber ist die „Verfassung“ von Medina? Dieser Frage sind die folgenden Seiten gewidmet.

 

Der Eremit im Qadisha-Tal

Eine ungewöhnliche Begegnung. Besuch beim Eremiten im Qadisha-Tal.

„Ein besseres Leben kann ich mir nicht vorstellen“, das sagt der Mönch Dario Escobar immer wieder. Er lebt in Felsenhöhlen an einer schwer zugänglichen Stelle im Qadisha-Tal. Eine Stunde etwa steigen wir bis dahin ab, einen steilen Weg, teilweise mit Treppenstufen, manche Stellen auch mit einem Handlauf gesichert. Mit einem Fahrzeug kommt man nicht dahin.p1030600
Die Wohnung des Eremiten besteht aus 2 oder drei kleinen Höhlen in der steilen Felswand. Die geräumigste davon enthält die winzige Kirche, nicht größer als ein Zimmer. Die Wände sind mit Ausnahme der Eingangsseite die Felswände. Drinnen befinden sich Sitzgelegenheiten, an die Felswand gehängte Bilder, ein einfacher Holzaltar und ein Schrankmit ein paar Büchern. Er lebt von dem, was in seinem Garten, dessen wenige Quadratmeter dem steilen Fels abgerungen sind, wächst, aber auch von dem, was ihm Frauen aus dem Dorf bringen. Das ganze Jahr ist er hier. Nur drei mal im Jahr muss er zur Zusammenkunft seines Ordens, das verlangt die Regel der maronitischen (=libanesisch-katholischen) Ordens, dem er beigetreten ist.

Der Eremit lebt hier allein, schläft auf einer dünnen Schaumstoffmatratze, anstelle eines Kopfkissens hat er einen Stein. Manchmal kommen Menschen zu ihm, um seinen Rat oder die Nähe der Heiligkeit zu suchen. 12 bis 14 Stunden Gebet, ansonsten Gartenarbeit, Übersetzen von Büchern, 5 Stunden Schlaf, das  ist ungefähr sein Tagesablauf. Wenn er keine Lust auf Begegnungen hat, spricht er nicht, sondern sitzt einfach da und meditiert.
Aber wir haben Glück. Er ist bereit, Menschen zu empfangen. Eine kleine Gruppe von libanesischen Frauen trägt ihm ihre Sorgen und Bitten vor: kranke Familienangehörige, Schwierigkeiten mit Söhnen im Jugendalter, die unsichere Liebe eines ihrer Kinder. Der Eremit hört zu, verspricht, die Anliegen in sein Gebet aufzunehmen, und fragt nach dem Namen derer, für die er beten soll. Am Ende wird ein Bild mit dem Eremiten gemacht, sie setzen sich zu ihm, lassen sich fotografieren, dass dieser Moment dokumentiert ist.p1030598
Danach kommt der Eremit auch zu uns. Ungefragt erzählt er von seinem früheren Leben: Er habe Geld gehabt, aber sei nicht glücklich gewesen. Jetzt sei er aber hier und sei glücklich. Ein besseres Leben gebe es für ihn nicht. Nachts schlafe er in einer Höhle und habe einen Stein als Kopfkissen. Anders wolle er es nicht. Dann spricht er nacheinander Studentinnen aus unserer Gruppe an. Eine berührt er an ihrem Tattoo und meint, dass sie ohne dieses auch schön sei, und dass ihm das nicht gefalle. Er fragt weiter, ob sie verheiratet seien. Als eine verneint, meint er, wo sie herkäme, die Männer dort seien wohl blind, sie sähe doch gut aus.
Wie er bete, will jemand wissen. Er schaue Gott an, und Gott schaue ihn an. Mehr kann er dazu eigentlich nicht sagen.
Eine Studentin spricht ihn auf spanisch an, sie sprechen wohl kurz über seine Heimat oder darüber, wo sie  Spanisch gelernt hat. Viel mehr Gesprächsthemen gibt es nicht.p1030601

Einen Besuch bei einem Eremiten habe ich mir anders vorgestellt.
Natürlich kann man fragen, ob dieser Mönch nicht einfach seinem früheren Leben entflieht, und ob man in einer solch einsamen Existenz nicht etwas wunderlich wird. Vielleicht ist aber die Frage, ob eine Frau verheiratet ist, für viele hier die erste und wichtigste. Warum kommen Menschen zu diesem Eremiten? Warum gehen die Frauen mit ihren Familienthemen dahin? Die Bitte um Fürbitte ist ganz anders, als wir das aus unseren Gemeinden kennen. Für die meisten Menschen, die zum Eremiten kommen, ist er wohl wie ein Fenster zur Transzendenz, vielleicht ein wenig wie eine Ikone in der orthodoxen Kirche. Darum ist auch die Nähe zu ihm wichtig. Unsere Dozentin erzählt, dass bei einem Besuch einmal eine Frau immer wieder über seinen Bart gestrichen hat, wie um auf diese Weise Segen zu erhalten. Vermutlich gehen auch die Frauen gestärkt aus dieser Begegnung den beschwerlichen Weg wieder nach oben. Ich nehme an, dass sich ihr Weg aus dem Alltag in die Nähe der Heiligkeit gelohnt hat.

Kinder ohne Zukunft

kinder-ohne-zukunft-mw3_6602-klEin Junge kommt aus einem Gesträuch am Meer, gleich bei dem Raouche-Felsen, wo viele Touristen ihre Selfies machen.
Er muss die Rosen verkaufen. Eigentlich sind Kinder zu der Zeit in der Schule. Im Libanon leben sehr viele Flüchtlinge aus Syrien. Da viele nicht registriert sind, weiß man die genaue Zahl nicht – man geht aber von mindestens 1,5 kinder-ohne-zukunft-mw3_6605-klMillionen aus, was bei einer Bevölkerung von 4,5-5 Millionen Libanesen unvorstellbar viel ist. Flüchtlingslager wie in Jordanien gibt es nicht – die Angst ist zu groß, dass die Flüchtlinge bleiben könnten, wie die Paläs-tinenser, die ungefähr zehn Prozent der Bevöl-kerung ausmachen. Da der Libanon nach Konfessionsproporzen regiert wird, würde ein Zuzug von 1,5 Millionen syrischen Sunniten unweigerlich ein starkes Ungleichgewicht bewirken und einen neuen Bürgerkrieg hervorrufen können. Zur Registrierung der Flüchtlinge verlangt der libanesische Staat pro Person pro Jahr 200 Dollar – für die oft mittellosen Flüchtlinge ein hoher Preis. Viele lassen sich und ihre Kinder nicht registrieren. Diese Kinder existieren dann offiziell nicht. Ohne Registrierung können sie keine Schule besuchen. Welche Zukunft haben sie?